Kreis Pinneberg : Bei den Schäfern geht die Angst vor Wölfen um

Die gesamte Schafhaltung auf den Deichen sei laut den Schäfern gefährdet, sollten sich erst einmal ganze Wolfsrudel in Schleswig-Holstein ansiedeln.

Die gesamte Schafhaltung auf den Deichen sei laut den Schäfern gefährdet, sollten sich erst einmal ganze Wolfsrudel in Schleswig-Holstein ansiedeln.

Tierhalter befürchten, dass die Deichhaltung durch Wölfe gefährdet ist. Wolfsbetreuer in SH raten zu höheren Zäunen.

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01. August 2018, 14:35 Uhr

Kollmar/Neuendorf | Simon Stajohann ist am Morgen des 29. Juni gerade auf dem Weg, um seine Schafherden am Deich zu kontrollieren, als der Anruf kommt. „Der Leiter des Krückausperrwerks sagte mir, ich müsse unbedingt sofort kommen, mitten auf der Deichkrone läge ein totes Schaf und da sei ganz viel Blut“, berichtet Stajohann. Vor Ort ist dem 30-jährigen Schäfer und Landwirt sofort klar, dass sein Mutterschaf von einem Wolf angegriffen worden sein muss. Warum nur die Kehle des Tieres herausgerissen wurde, kann er sich nicht erklären – „vielleicht haben die Bauarbeiten am Sperrwerk den Wolf verjagt“.

Im Kreis Pinneberg wurden in den vergangenen Monaten immer wieder Spuren von Wölfen entdeckt. Zuletzt wurde im Juni in Tangstedt ein Schaf gerissen.

Probe von der Wunde

Stajohann informierte die Wolfsbetreuung des Landes Schleswig-Holstein, ein Fachmann nahm kurz darauf eine Probe von der Wunde, um sie genetisch untersuchen zu lassen. „Gleichzeitig habe ich auch selbst eine Probe genommen“, erklärt Stajohann. „Vom Schafsberatungsring haben wir Schäfer alle eine Fortbildung gemacht, wie das richtig geht. Wir schicken unsere Proben parallel in ein privates Labor in Hamburg.“ Denn das nationale Referenzzentrum für Wolf und Luchs, das Forschungsinstitut Senckenberg in Gelnhausen, untersuche nur die mitochondriale DNA, die ausschließlich von der Mutter vererbt wird. „Kreuzungen können dort also nicht nachgewiesen werden“, sagt Stajohann.

Das tote Mutterschaf auf dem Deich am Krückausperrwerk.
Simon Stajohann

Das tote Mutterschaf auf dem Deich am Krückausperrwerk.

 

Aber genau zu diesem Ergebnis ist das Hamburger Labor jetzt gekommen: Das Tier, das sein Schaf angegriffen hat, soll zu 60 Prozent Wolf und zu 40 Prozent Hund sein – eine Kreuzung aus Wolf und Hund also. Das Labor des Landes geht dagegen von einem Wolf aus, wie die Pressestelle des Landwirtschaftsministeriums mitteilt.

Beunruhigende Diagnose

Stajohann ist beunruhigt über die Diagnose seines Labors: „Kreuzungen sind zwar genauso aggressiv wie Wölfe, aber deutlich zahmer – sie scheuen sich also nicht so sehr davor, auf offene Flächen oder in die Nähe von Menschen zu kommen.“

Wolfsbetreuer Jens Matzen zeigt sich dagegen überrascht darüber, dass ein Wolf überhaupt ein Schaf auf einem Deich gerissen hat. Der letzte ihm bekannte Fall liegt ein bis zwei Jahre zurück. „Auf einem Deich ist die Landschaft den Wölfen einfach zu offen, es gibt kaum Möglichkeiten, sich anzuschleichen – diese Tiere sind nicht gerne im Rampenlicht“, erklärt Matzen. Insbesondere im Sommer seien an den Deichen auch zu viele Spaziergänger unterwegs – und im Herbst werden die Schafe ohnehin von den Deichen getrieben. Er geht deshalb nicht davon aus, dass Wolfsangriffe auf den Deichen zu einem Problem werden könnten. Zumal in Schleswig-Holstein bislang ausschließlich durchziehende Tiere beobachtet wurden, die sich nicht länger als sechs Monate im nördlichsten Bundesland aufgehalten haben.

Deichhaltung wichtig für den Küstenschutz

Simon Stajohann und viele seiner Schäfer-Kollegen sehen die gesamte Schafhaltung auf den Deichen gefährdet, sollten sich erst einmal ganze Wolfsrudel in Schleswig-Holstein ansiedeln. Die Deichhaltung ist jedoch notwendig für den Küstenschutz – und wegen der niedrigen Weidepacht für viele Schäfer die einzige Möglichkeit, von der Schafhaltung zu leben. Insgesamt rund 50.000 Schafe grasen im Land auf 440 Kilometern Schutzdeichen.

Nur: Wie die Tiere geschützt werden können, weiß niemand. „Uns wird empfohlen, mehr elektrische Weidezaunlitzen zu legen, dann käme der Wolf nicht mehr auf die Weiden“, berichtet Stajohann. „Aber am Deich herrschen Ebbe und Flut, dort spazieren Menschen durch – dort kann ich keinen elektrischen Zaun ziehen.“ Und Herdenschutzhunde seien durch das dauerhafte Leben in der Herde zu aggressiv für den Deich. Stajohann: „Die kann ich am viel belebten Deich nicht laufen lassen, sonst wird noch jemand verletzt.“ Möglicherweise müsse man sich eines Tages die Frage stellen: „Ist es der Wolf wirklich wert, dass wir unsere Weidetiere aufgeben?“

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