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Elmshorn : Baltische Tafelrunde in der Dittchenbühne

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Estnischer Botschafter Toivo Tasa stellte sein Land vor. Dazu gabs Bullensuppe und Marzipan.

Elmshorn | „Festgelage anlässlich der IIX. Baltischen Tafelrunde am 23. Tag des Wandelmonats Anno 2015“ heißt es auf der Speisekarte, die auf jedem der 112 gedeckten Plätze ausliegt, gedruckt in einer Schrift mit schwungvollen Versalien und altertümlichem Aussehen. Vor dem „Sermon seiner Durchlaucht“ gibt es Bullensuppe, hinterher Hering, kalten Elch und Königsberger Marzipan. Zubereitet haben das Menü „Küchen-Mamsellen“, serviert wird es vom „Schankgesinde“.

Zum achten Mal lud die Elmshorner Dittchenbühne zur baltischen Tafelrunde. Zum Essen gab es Informationen aus erster Hand: Der estnische Botschafter Toivo Tasa stellte sein Land vor und beantwortete zwischen den Gängen Fragen der Gäste. Gastgeber Raimar Neufeldt begrüßte Bürgervorsteher Karl Holbach, den Landtagsabgeordneten Peter Lehnert, Lokalpolitiker und Bernhard von Maydell als Vertreter des baltendeutschen Adels.

Die Ostsee-Anrainer bemühen sich in Gesprächsrunden um Zusammenarbeit, Estland sitzt zurzeit dem Ostseerat vor. Historisch erinnert das an die Hanse, den mittelalterlichen Verbund der Kaufleute rund um das Binnenmeer. Neufeldt sprach vom „alten Europa“, das hier sein Forum findet. Der Kartenausschnitt auf der Rückseite der Speisekarte zeigte, wo in Osteuropa einmal der Deutsche Ritterorden herrschte.

Ganz modern präsentierte dann Toivo Tasa, zurzeit Botschafter ohne konkretes Einsatzland, seine Heimat. Estland ist zwar größer als Dänemark – wenn auch nur knapp –, hat aber mit 1,3 Millionen weniger als halb so viele Einwohner wie Schleswig-Holstein. Das kleine Land profiliert sich als digitaler Staat: Gewählt wird per E-Voting übers Internet oder per SMS, Steuererklärungen machen die meisten Esten ebenfalls per Netz. Das dauere fünf bis zehn Minuten, die Formulare seien vom Staat schon vorab ausgefüllt, schwärmt Tasa. Die Einkommensteuer beträgt für Personen und Körperschaften 21 Prozent, „es gibt keine Ausnahmen“. Die neueste Idee der Esten heißt E-Residency: Seit vergangenem Dezember kann jedermann für 50 Euro in einer estnischen Botschaft einen digitalen Ausweis beantragen. Mit diesem Ausweis lassen sich dann Steuererklärungen und Formulare an den Staat schicken, er hilft bei digitalen Unterschriften und der Unternehmensgründung, ohne jemals das baltische Land betreten zu haben. Knapp 20 Minuten dauere es, in Estland eine Firma zu gründen, erläuterte Tasa.

Der estnische Botschafter Toivo Tasa (links) mit Gastgeber und Dittchenbühnen-Chef Raimar Neufeldt. (Foto: Roolfs)
Der estnische Botschafter Toivo Tasa (links) mit Gastgeber und Dittchenbühnen-Chef Raimar Neufeldt. (Foto: Roolfs)
 

Als kleines Land neben dem großen Nachbarn Russland, mit dem es eine sehr wechselhafte Geschichte verbindet, suchen die Esten Schutz: „Wir möchten und müssen Mitglied von möglichst vielen Netzwerken sein“, stellte der Botschafter klar. Mit der E-Residency wollen die Esten wenigstens virtuell viel mehr werden und damit sichtbarer in der Welt: „Warum nicht zehn Millionen?“, träumte Tasa und verwies auf das große Interesse an dem digitalen Ausweis für nicht-Esten.

Die Gäste der Tafelrunde zeigten sich interessiert und fachkundig. Tasa beantwortete Fragen nach der Arbeitslosigkeit – knapp fünf Prozent – und dem Verhältnis zur russischen Minderheit: „Wir sehen keine zugespitzten Probleme“, sagte der Diplomat. Aber er räumt auch ein: „Mitte 2014 waren wir ein bisschen verunsichert“, als die Ukraine-Krise hochkochte.

Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland tun auch den Esten weh: „Der Ausfall des russischen Marktes bedeutet etwas, aber nicht zu viel“, fand Toivo Tasa. Schließlich ist sein Land immer noch dabei, die Verbindungen zur einstigen Besatzungsmacht zu kappen: Bis 2025 wollen die Esten sich vom russischen Stromnetz abkoppeln, mit einem Flüssiggas-Terminal wollen sie unabhängig von russischen Gaslieferungen werden. Aber eigentlich seien die Esten nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft tolerant: „Die meisten Dörfer haben zwei oder drei Namen in verschiedenen Sprachen, die uns alle wertvoll sind“, sagte Toivo Tasa.

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erstellt am 28.Apr.2015 | 10:00 Uhr

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