Pädagogen : Ausgebrannt und frustriert

Lehrer Oluf Martinen prangert Landespolitik an

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28. März 2013, 08:41 Uhr

Kreis Steinburg | Spätestens seit der ersten Pisa-Studie steht die Schulpolitik in Schleswig-Holstein am Pranger. Seither wird die Schullandschaft in schöner Regelmäßigkeit umgestaltet. Nicht immer zum Vorteil von Schülern, Eltern und Lehrern. Davon ist Oluf Martinen überzeugt. Der Lehrer im Kreis Steinburg sitzt im Landesvorstand des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) und hat in dessen Verbandszeitung "Mitteilungen" unter der Überschrift "Allein gelassen - aber verantwortlich für alles" seinem Unmut Luft gemacht. Vor allem zwei Punkte kommen darin zur Sprache. Zum einen die "starren" Einschulungskriterien, und zum anderen das Thema Inklusion.

Wenn Kinder in ihrer Entwicklung verzögert waren, Konzentrationsschwächen oder sonstige Handicaps aufwiesen, sei es früher gängige Praxis gewesen, sie ein Jahr zurückzustellen, so Martinen. Das sei inzwischen nicht mehr möglich. Oder nur noch in seltenen Ausnahmefällen, beispielsweise bei Krankheiten oder wenn eine Frühgeburt vorlag. Selbst wenn Kindergarten und Eltern eine Beschulung aus verschiedensten Gründen für nicht sinnvoll halten, sei eine Zurückstellung nicht mehr möglich. Ein Scheitern im ersten Schuljahr scheine somit vorprogrammiert.

Inklusion bedeutet, dass nicht nur die unterschiedlichsten Leistungsniveaus von einer Grundschullehrkraft differenziert unterrichtet werden müssen, sondern nun auch zusätzlich nicht schulfähige, lernschwache oder entwicklungsverzögerte Kinder. Als Lösung wurden so genannte Integrationshelfer eingeführt. Erwachsene, die einzelnen Kindern während der Unterrichtszeit zur Seite stehen. "Das Problem dabei ist, dass diese Begleiter keine pädagogische Ausbildung haben müssen", sagt Martinen. Im Idealfall werden die Kinder dann liebevoll und konsequent von den Integrationshelfern durch den Unterrichtsvormittag begleitet, aber eine Förderung ihrer speziellen Bedürfnisse sei nicht vorgesehen.

Schleswig-Holstein ist das Bundesland mit der höchsten Inklusionsrate. Schon weniger als 50 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden noch an Förderschulen unterrichtet. Was in Kiel gern als lobenswerte Integrationsmaßnahme verkauft wird, entpuppt sich in der Praxis als schwer umsetzbar. "Die für diese Fälle angedachte zweistündige Lehrer-Doppelbesetzung durch Förderschullehrer ist viel zu wenig", sagt Martinen. Zusätzliche Doppelbesetzungen würden bei Vertretungen und Krankheiten als erstes aus den Klassen abgezogen.

Das sei "frustrierend für alle". Am Ende habe man das Gefühl, "keinem der Kinder jemals gerecht werden zu können", sagt eine Kollegin aus dem Grundschulbereich. Das Ergebnis seien überforderte oder unterforderte Kinder, unzufriedene Eltern und ausgebrannte Lehrer. "So darf es nicht weitergehen", fordert Martinen. Ein erster Schritt seien weniger strikte Einschulungskriterien.

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