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Der Herr der Elmshorn-Fotos : Arno Freudenhammer digitalisiert die historischen Schätze

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Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Elmshorn | Ob Stapelläufe in der Krämerwerft, zerstörte Straßenzüge nach Kriegsende oder die Volksschauspielerin Christa Wehling in den 50er Jahren – Arno Freudenhammer hat sie alle. Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Stadtarchivs ist Herr über Millionen Fotos. Im Keller der Weißen Villa liegen sie fein säuberlich sortiert als Negative oder in digitalisierter Form gleich mehrfach gesichert auf verschiedenen Festplatten.

Das Stadtarchiv sammelt nicht nur vorhandene Bildbestände, sondern sorgt auch aktiv dafür, die Gegenwart für die späteren Generationen zu konservieren. Derzeit ist ein Mitarbeiter des Stadtarchivs damit beschäftigt, Straße für Straße das Elmshorner Stadtbild fotografisch zu erfassen. „Das ist seit den 80er Jahren nicht mehr gemacht worden“, erklärt Arno Freudenhammer.

Arno Freudenhammer faszinieren die Fotos alle. Nachdem er 23 Jahre im Auftrag der Stadt Elmshorn in Sachen Umwelt- und Naturschutz unterwegs war, wechselte er 2010 nach seinem Renteneintritt einfach die Straßenseite und wurde ehrenamtlicher Archivar. „Fotos fand ich schon immer spannend“, sagt Freudenhammer, dessen Vater Fotograf war. „Vor allem die alten Schwarz-Weiß-Fotos sind spannend, die alte Zeiten wieder auferstehen lassen.“ Freudenhammers Hauptaufgabe im Stadtarchiv ist das Digitalisieren, um die Bilder auch für spätere Generationen zu erhalten.

Jetzt könnte man denken, Digitalisierung sei die Rettung für wertvolle Einblicke in vergangene Zeiten – einmal im Rechner, können die Bilder ohne Qualitätsverlust beliebig oft umkopiert werden. Aber auch Festplatten können kaputtgehen. Und wer weiß schon heute, welches Format sich langfristig durchsetzen wird?

Einige Schätze im Stadtarchiv sind sogar brandgefährlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Vor sechs Jahren nämlich überließ die Fotografen-Familie Koopmann dem Archiv ihr wertvolles Lebenswerk: Mehr als 30.000 Aufnahmen, fein säuberlich nach Themen sortiert in 120      Kartons. Die ältesten Bilder stammen von dem Vater des Kulturpreisträgers Per Koopmann, alles vor 1943 allerdings wurde durch Bombenangriffe zerstört. Was die Zeit überdauert hat, ist für Historiker von unschätzbarem Wert: Bestandsaufnahmen der Elmshorner Kriegsschäden, Pressefotos von städtischen Ereignissen, Alltagsszenen im Hafen und in den Straßen der Stadt, Fotos von Arbeitern in längst geschlossenen Fabriken.

Jedoch: Viele Bilder, die aus der Zeit vor Mitte der 50er Jahre stammen, sind auf sogenannten Nitrofilmen festgehalten. Und diese bräunlichen, seltsam riechenden Filme lösen sich nach 50 Jahren auf. „Sie zersetzen sich und schlagen Blasen. Und sie brennen extrem schnell, selbst unter Sauerstoffentzug – sie können sich sogar selbst entzünden“, sagt Freundenhammer. „Die Nitrofilme im Archiv aufzubewahren wäre lebensgefährlich.“ Das alles hat Freudenhammer bei einer Fortbildung erfahren. „Dort hieß es: Am besten sofort raus damit aus dem Archiv, digitalisieren und dann so schnell wie möglich vernichten.“

Das Foto wurde vom städtischen Fotografen Walter Plazcek vermutlich Mitte der 60er Jahre aufgenommen und zeigt einen Teilbereich des Elmshorner Hafens. Im Hintergrund ist die Kremer Werft zu sehen. Es ist heute unvorstellbar, dass an dieser Stelle bis weit in die 70er Jahre hinein große Frachtschiffe gebaut wurden.
Das Foto wurde vom städtischen Fotografen Walter Plazcek vermutlich Mitte der 60er Jahre aufgenommen und zeigt einen Teilbereich des Elmshorner Hafens. Im Hintergrund ist die Kremer Werft zu sehen. Es ist heute unvorstellbar, dass an dieser Stelle bis weit in die 70er Jahre hinein große Frachtschiffe gebaut wurden.
 

Das Stadtarchiv Elmshorn hat damals für die Nitrofilme einen abgelegenen, sicheren und geheimen Ort gefunden. Denn: 30.000 Fotos digitalisieren – das geht nicht so schnell, schon gar nicht im Ehrenamt. „Ich habe sechs Jahre lang daran gearbeitet“, sagt Freudenhammer. „Inzwischen bin ich mit den Koopmann-Bildern so gut wie fertig.“ Eine Fachfirma hat die Nitrofilme, die bereits digitalisiert waren, in einer Hochtemperatur-Verbrennungsanlage in Hamburg zerstört. Als Freudenhammer vor sieben Jahren seine Arbeit im Archiv aufnahm, gab es bereits einen großen Bestand an Fotografien und Negativen. „Das waren etwa 20.000 bis 30.000 Aufnahmen von städtischen Fotografen, die sich die Stadt in früheren Zeiten noch geleistet hat“, erklärt der 68-Jährige.

In den letzten Jahren hat sich der Bestand allerdings verfielfacht – durch die Koopmann-Bilder und durch das Archiv der Elmshorner Nachrichten, das 2010 im Keller der Weißen Villa eingelagert wurde: etwa eine Million Negative aus den Jahren 1970 bis 2000 – und zusätzlich 175.000 digitale Aufnahmen aus den Jahren 2000 bis 2008. Für Freudenhammer gibt es also noch mehr als genug Arbeit. Und ganz nebenbei kümmert er sich ja auch noch um die Öffentlichkeitsarbeit. Fotos kommen bei den Elmshornern gut an, wenn Freudenhammer die Archivbilder in öffentlichen Vorträgen zeigt, werden die Säle voll. Unter www.stadtarchiv-elmshorn.de zeigt der Hobby-Archivar außerdem regelmäßig ungewöhnliche Aufnahmen aus der Schatzkammer des Stadtarchivs als „Bild der Woche“, unter der Rubrik „Wer-Weiß-Was“ oder bei Facebook. „Den Leuten fällt alles mögliche wieder ein“, sagt Freudenhammer. „Auf diese Weise erfahre ich, wer wo früher gewohnt hat, welche Spiele die Kinder gespielt haben – und einmal sogar, wie die Pferde vor einer Hochzeitskutsche hießen.“

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