Lesung : Arne Tiedemann präsentiert sein Programm „Schiri, wie lange noch?“ in Elmshorn

Autor Arne Tiedemann las aus : „Schiri, wie lange noch?“.
1 von 2
Autor Arne Tiedemann las aus : „Schiri, wie lange noch?“.

Der Autor begeisterte sein Publikum mit zahlreichen komischen Erinnerungen.

shz.de von
19. Februar 2018, 16:30 Uhr

Elmshorn | Eigentlich wollte Arne Tiedemann erzählen, wie er 1998 eine gute Gelegenheit verpasste, mit dem Fußballspielen aufzuhören. Das Kreisklassespiel seiner Mannschaft Kollmar dauerte für Tiedemann wegen einer Roten Karte nur sehr kurz, fing, genau genommen, gar nicht erst an. Aber bis der Autor zu diesen entscheidenden Sekunden gekommen war, hatte er schon fast anderthalb Stunden lang gelesen und sich wonniglich in Abschweifungen verloren.

„Schiri, wie lange noch?“, hieß sein Programm, das er am Freitag und Sonnabend im ausverkauften Haus 13 vorstellte. Eine Lesung mit Bildern, Ausrichtung witzig. Das Publikum in den voll besetzten Sitzreihen ging leidenschaftlich mit. Als Tiedemann daran erinnerte, dass 1998 die letzte Folge von Derrick lief, barmten seine Zuhörer: „0oh!“ Kommentar des Autors: „Ja, das schmerzt.“

Immer dienstags präsentiert Arne Tiedemann als Kolumnist in den Elmshorner Nachrichten „Tiedemanns Elbansichten“. Alltagsbeobachtungen, intelligent aufbereitet, eloquent formuliert und mit Haltung bewertet; oft genug negativ, das funktioniert fürs komische Fach besser. Für sein Programm im Haus 13 hat Tiedemann eigens einen Text verfasst, sich im Vergleich zur Kolumne auf die Langstrecke begeben. Und als Zutat hat er die Nostalgie dazu gegeben.

Eine Idee, die Publikum und Autor in seligem oder gruseligem Erinnern zusammenschweißte: das Nokia 3210 – in der Gürteltasche von Herren als „Zweitgemächte“ getragen, Quench zum Frühstück, Trappatonis „Ich habe fertig“, Fotos von prachtvollen Vokuhila-Fußballerfrisuren. Zuhörerin Petra Müller aus Elmshorn freute sich in der Pause: „Es kommen ja Erinnerungen wieder, an die man gar nicht mehr dachte.“ Ihr Mann Ralf ergänzte: „Bei manchen Dingen sieht man sich selbst.“ Andrea Reese aus Aurich fand: „Das ist meistens das Lustigste“. Für Tiedemanns komischen Anspruch genügt seufzendes oder quietschendes Erinnern nicht. Wichtiges Stilmittel ist für ihn, passende Bilder zu finden, die gern eine heillose Übertreibung illustrieren – „schnitzelgroße Ohrläppchen“ oder eine Beschreibung wenigstens in die Nähe gefährlicher Gebiete bringen, etwa wenn Lustlosigkeit beschrieben wird als „so viel Bock wie Jesus auf Karfreitag“ oder der Eurovision Song Contest bevölkert ist mit „Sängerinnen, die sich für drei Minuten von Windmaschinen die Nippel hart blasen lassen“. Kreisklassenfußball bestand für Tiedemann in den 1990ern aus „Nachbarschaftsduellen mit Männern wie Naturkatastrophen“.

Dazu spielt der studierte Bibliothekswissenschaftler gern mit Detailinformationen, die zwischen interessant und hergeholt schwanken. Kennt noch jemand Dick und Dalli? Das sind die „Mädels vom Immenhof“. Dass Helene Fischer in Krasnojarsk geboren wurde, müssten seine Zuhörer jetzt wenigstens für ein paar Tage wissen.

Hinter den komischen Stilmitteln scheint bei Tiedemann immer wieder der Mahner auf, der Grantler. „Kollmar geht’s nicht gut“, bilanzierte Tiedemann und wies darauf hin, dass Sparkasse und Hotel als letzte Reste der Infrastruktur seit Jahresanfang geschlossen sind. Das war natürlich der Auftakt für eine lange Reihe komischer Kindheitserinnerungen an das Dorf seiner Kindheit, in dem der Arzt, Doktor Bürmeister, „selbstverständlich Pall Mall Red ohne Filter im Behandlungszimmer rauchte“. Aber dass Kollmar inzwischen ans Glasfasernetz angeschlossen wird, kommentierte Tiedemann gallig: „Dann braucht man wirklich keine Sparkasse mehr“.

„Was das alles mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat? Nix“, stellte der Autor zum Abschluss seiner Exkurse klar. Er kam dann schließlich doch noch über „Schnauzbärte, so dick wie Mars-Riegel“ und Fußballspieler, „die den Ball weiter stoppen konnten als schießen“, dazu, wie ihn seine große Klappe in ernste Schwierigkeiten brachte und er trotzdem das Fußballspielen nicht aufgab. Zur Freude von Zuhörerin Sibylle Hohlen: „Wenn ich ihn auf dem Fußballplatz sehe, muss ich lachen.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen