Elbansichten zum Anhören : Arne Tiedemann: Die erste große Liebe war vielleicht doch gar nicht so groß

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Nach 35 Jahren trifft unser Kolumnist seine erste Liebe aus Schulzeiten wieder. Aber wie hieß sie gleich noch?

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25. März 2020, 17:30 Uhr

Vor einiger Zeit traf ich ganz unvermittelt auf die Frau, die mal das Mädchen war, in das ich mit zwölf so verliebt war. Nicht nur ich, alle waren das. Ich hatte sie seit der Schule nicht mehr gesehen und auf einmal stand sie aber da im Laden vorm Regal und wir hatten wieder 1985.

 

Damals brachte sie mit ihrem Hanni & Nanni-Gemüt und wippendem Pferdeschwanz die Jungs zwischen 11 und 15 reihenweise um den kläglichen Verstand und natürlich verliebte auch ich mich in sie. Ich verliebte mich sogar schon in sie, als ich noch nicht einmal wusste, was Verlieben eigentlich ist. Da konnste gar nichts gegen machen.

Ein Lächeln wie Cornetto Erdbeer

Sommersprossen, Stupsnase, makellose Zähne und ein Lächeln wie Cornetto Erdbeer. Leicht hochnäsig und eitel arrogant, das aber irgendwie zu Recht, wie ich fand. Wer so „wow“ war, durfte auch eingebildet sein. Weiße Turnschuhstiefel, Karottenjeans und den Rucksack cool über die eine Schulter, während ich noch Sandalen, kurze Hosen und den Schulranzen stramm auf dem Rücken trug.

Arne Tiedemann gibt es bei uns jetzt auch zum Hören. Lauschen Sie jede Woche unserem Kolumnisten, wie er seine einzigartigen Elbansichten vorliest und das wann und wo immer Sie wollen. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein internetfähiges Gerät. Die Hörbeiträge zu den Elbansichten finden Sie auf www.shz.de/elbansichten. Jeden Mittwoch gibt es eine neue Folge, zum Anhören und Schmunzeln.

Auf dem Schulhof tigerten wir wie angefixt um sie herum und lauschten betört, wenn sie eindrucksvolle Unwichtigkeiten über Ponys, Klamotten von Jean Pascal oder Sarah-Kay-Briefpapier sprach. Ja, Firlefanz; weiß ich ja selber, aber damals hat man halt großzügig drüber hinweg gesehen. Oder wenn sie in der Pausenhalle auf der Heizung saß und einen journalistisch knallhart recherchierten Artikel über Den Harrow in der Bravo las, dann formte entweder ihr Mund stumm die Wörter mit, die sie las, oder, am besten, sie kaute dabei Kaugummi. Das hatte bei ihr etwas wirklich Sinnliches, das war fast nicht mehr jugendfrei. Das musste dieser Sex sein, von dem immer alle sprachen.

Die Sache mit dem Kaugummi

Scheinbar wie nebenbei zog sie das Kaugummi an einem langen, länger werden Strang aus dem Mund, wickelte es mit einer rotierenden Bewegung am Zeigefinger wieder auf, steckte den Finger in den Mund, lutschte das Kaugummi ab und machte unmittelbar anschließend eine Blase, ein bisschen größer als ein Tennisball, die dann mit einem satten Ploppen platzte. Sie sog den zähen, dunkelweißen Klumpen wiederum ein, ohne Klebereste an Kinn und Wangen zu behalten, malträtierte die Masse erneut malmend zwischen ihren Kiefern durch und das erotisierende Spiel begann von vorne. Ich hätte mir das stundenlang ansehen können.

Und jetzt, 35 Jahre später, stand sie da. Ich dachte, ich spreche sie nun mal an. Aber dann fiel mir ihr Name nicht ein. Vielleicht war das Verliebtsein dann doch nicht so groß, wie ich damals dachte. Und das Kaugummi war doch nicht mehr als nur Kaugummi.

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