Elmshorn : Ansgarstraße ohne Radfahrstreifen

Anlieger setzen sich im zweiten Anlauf durch / Politiker kippen ihren ursprünglichen Beschluss / WGE/Die Grüne entsetzt

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15. August 2012, 06:58 Uhr

Elmshorn | Die Politik hat beim Thema Radfahrerverkehr in der Ansgarstraße eine Rolle rückwärts gemacht. Der monatelange Protest der Anlieger hatte Erfolg. Unter anderem sammelten die Anwohner mehr als 1000 Unterschriften gegen die Sanierungsvariante 3b mit einem Schutzstreifen für Radler auf der Fahrbahn. Sie trugen vehement und immer wieder ihre Sorge um die Sicherheit der Radfahrer, vor allem der radelnden Schulkinder, als Argument gegen die Variante vor, sprachen sogar von einem geplanten "Todesstreifen" vor ihren Haustüren.

Die Politiker und die Stadtverwaltung entwickelten bereits 2011 das Projekt wie immer mit der entsprechenden Öffentlichkeit und den Anhörungen. Allerdings hatte sich kaum jemand aus der Ansgarstraße bei der Meinungsfindung beteiligt. Erst als die Politiker im Mai dieses Jahres ihre Entscheidung getroffen hatten, schreckten die Anlieger entsetzt auf. Nicht wenige Politiker sahen hier eine Parallele zur Problematik um den Ausbau des Bahnhofes in Stuttgart (Stuttgart 21).

Das Thema wurde erneut in den Ausschüssen - diesmal mit großer Beteiligung der Bürger - diskutiert und extra eine weitere öffentliche Informationsveranstaltung mit Workshop organisiert. Es ging um gefühlte Sicherheit, wissenschaftliche Untersuchungen und auch zukunftsorientierte Stadtplanung. Beim Workshop meinte die Mehrheit, nämlich 34 Teilnehmer (darunter 19 Anlieger), dass die Variante 4 (wie gehabt mit schmalen Geh- und Radwegen auf beiden Seiten) die "gefühlt" sicherste sei. Es hielt aber auch eine Mehrheit (28 Teilnehmer, davon 10 Anlieger) die Variante 3b mit Schutzstreifen für die "städtebaulich zukunftsorientierteste".

Die CDU sprach sich während der jüngsten Ausschusssitzung für die Variante 4 aus, obwohl - so Ausschussmitglied Siegfried Golz - man "was die Zukunft betrifft die Variante 3b wohl langfristig als die bessere ansehen kann". Der Christdemokrat wies darauf hin, dass hier erstmals Fahrradstreifen in Elmshorn gebaut würden und meinte: "Wir sollten uns dafür eine andere Straße aussuchen, die nicht so stark befahren ist."

Die SPD schloss sich der Argumentation an. Hans-Joachim Seiffert meinte sogar, beide Varianten seien sicher, aber die Schutzstreifen würden nicht angenommen. "Wir wollen keinen Radweg installieren, der nicht genutzt wird", so der Sozialdemokrat. Grundsätzlich sei die SPD nicht gegen die Fahrradstreifen, aber in der Ansgarstraße. Seifferts Parteikollege Thorsten Mann-Raudies stellte zudem klar: "Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, das erste Kind sei getötet worden, weil wir dort den Streifen eingeführt haben." Auch die FDP hält die Ansgarstraße "für den Versuch nicht geeignet", so Stefan Backauf.

Dagegen sprach sich Christian Hoyer von der WGE/Die Grünen aus. Der Stadtverordnete versuchte, die Ausschussmitglieder in einem längeren Vortrag nachdrücklich von den Vorzügen der Schutzstreifen zu überzeugen und zog zahlreiche wissenschaftliche Publikationen sowie Empfehlungen von Bundesbehörden heran. Er zeigte sich entsetzt von der sich abzeichnenden Entscheidung für die Variante 4, denn sie betoniere das alte Denken und senke nicht die Unfallzahlen.

"Ein Grundsatz lautet: Besser keine als eine schlechte Radweganlage", stellte Hoyer fest und fügte hinzu: "Die Variante 4 ist eine sehr schlechte, die die Problematik der Bushaltestellen ausklammert und eine nicht empfohlene Kombination von Mindestmaßen praktiziert." So werde der Gehweg 1,60 breit statt wie im Regelwerk vorgesehen 2,00 Meter. Dies berge mehr Gefahr als Schutzstreifen, zumal der neben den Fußgängern verlaufende Radweg nur 1,30 Meter breit werde - obwohl 1,60 Meter das Mindest- und 2,00 Meter das empfohlene Regelmaß seien. "Ich kann die Entscheidung für Variante 4 nicht verstehen", sagte Hoyer abschließend.

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