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Bauarbeiten in Einkaufsstrasse : Anlieger: „Das ist aktive Sterbehilfe“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Geschäftsleute aus der Ansgarstraße sind sauer auf die Stadt. Wegen der langen Bauarbeiten wollen sie Schadensersatz fordern.

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 16:00 Uhr

Elmshorn | Vor drei Wochen begannen im südlichen Abschnitt der Ansgarstraße zwischen Schlurrehm und Am Eiskeller die Bauarbeiten zur grundlegenden Sanierung der Straße. Bis voraussichtlich August sollen die Arbeiten in diesem Abschnitt andauern, in dieser Zeit ist dieser Straßenabschnitt komplett für den Autoverkehr gesperrt.

Seit dem Start der Bauarbeiten ist der Umsatz in den rund zehn Einzelhandelsgeschäften sowie den Dienstleistern bedrohlich eingebrochen. „Uns allen ist bewusst, dass diese Maßnahme notwendig ist. Das steht nicht zur Diskussion, aber die Art und Weise der Verkehrspolitik ärgert uns sehr. So können wir es zum Beispiel nicht verstehen, dass die Stadt Autofahrern empfiehlt, die Ansgarstraße weiträumig zu umfahren. Stattdessen hätten lieber Umleitungsschilder aufgestellt werden müssen, damit unsere Kunden wissen, dass sie uns nach wie vor erreichen können“, sagt Norbert Böhlke vom Fachgeschäft „Wolfsteller und Wulff“, An der Bahn 1.

Zusammen mit Sandra Wolfsteller schlägt er jetzt Alarm. „Gerade hatten wir uns von der langwierigen Baustelle zur Sanierung der Badewanne mit einem Umsatzrückgang von 50 Prozent erholt, da geht es schon wieder los. Ich musste bereits eine Halbtagskraft entlassen, weil ich sehr starke Umsatzeinbußen infolge der bestehenden Baustelle habe. In den vergangenen Tagen war nicht ein Kunde in meinem Geschäft. Die finden uns einfach nicht“, sagt Sandra Wolfsteller.

Die Geschäfte sind nur vom Eiskeller aus über die Straße An der Bahn zu erreichen, die ist aber eine Einbahnstraße. Zurück müssen die Autofahrer über den Baustellenbereich und werden in die Straße Schlurrehm geleitet. Wenn dann noch Baustellenfahrzeuge auf der Straße arbeiten, löse das schon bei so manchem Autofahrer Irritationen aus. „Warum kann nicht während der Bauphase die Einbahnstraßenregelung aufgehoben und der Autoverkehr zum Beispiel mit einer Baustellenampel geregelt werden“, fragt sich Vedi Kirat, der mit „Dinos Pizzaservice“ ebenfalls An der Bahn 1 sitzt. „Unser Mittagsgeschäft ist komplett eingebrochen und die Kundenreklamation häufen sich, weil wir es einfach infolge der Baustelle nicht immer schaffen, die Pizzen richtig heiß auszuliefern“, so Kirat. Und auch die Anlieferung macht erhebliche Probleme. „Letztens musste mein Lieferant auf der gegenüberliegenden Straßenseite parken und alles zu Fuß über die Straße tragen“, ergänzt der Pizzeria-Betreiber.

Im gleichen Haus haben die Glückstädter Werkstätten ihren Sitz mit der Elmshorner Arbeitsassistenz „elmar“. Dort werden Menschen mit Handicaps unterstützt, die sich regelmäßig zu gemeinsamen Projekten treffen. „Bereits in der Baustellenplanungsphase haben wir bei der Stadt mehrmals darauf hingewiesen, dass wir unbedingt eine Zuwegung für Rollstuhlfahrer brauchen, denn sonst könnten diese Teilnehmer uns nicht erreichen. Leider wurde darauf nicht reagiert. Die einzige rollstuhlgerechte Zufahrt ist gesperrt. Deshalb können einige unserer Teilnehmer nicht mehr kommen“, sagt Lynne Jazwinski-Hohlen von der „elmar“.

Überhaupt keinen Umsatz mehr macht Mehmet Altunel. Sein Geschäft „Blumen-Liebe“ liegt mitten in der Baustelle. Er handelt mit frischer Ware, die er jetzt regelmäßig vernichten muss. „Die Stadt hatte mir sozusagen als Entschädigung die Möglichkeit angeboten, in der Königstraße einen Blumenstand aufzustellen. Das fand ich gut. Nur hatten die mir einen Platz genau gegenüber von Blume 2000 angeboten“, sagt Altunel. Trotzdem versucht der Geschäftsmann jetzt dort sein Glück, um zumindest etwas Umsatz zu machen.

Rainer Bornholdt, Inhaber des gleichnamigen Schuhgeschäfts an der Ecke Am Eiskeller/Ansgarstraße, ist bereits jetzt indirekt von den Auswirkungen der Baustelle betroffen. „Am Freitag waren gerade einmal drei Kunden bei mir im Geschäft. Davon können wir nicht existieren“, so Bornholdt. Vor seiner Haustür wird der nächste Bauabschnitt zur Sanierung der Ansgarstraße beginnen. Wie es dann weitergehen soll, weiß der Geschäftsmann noch nicht.

Rositia Böhlke und die anderen Betroffenen hatten bereits mehrfach die Stadt angeschrieben und auf ihre Probleme hingewiesen, aber bis auf freundliche, nichtssagende Antwortschreiben kam keine Reaktion. „Herr Kölln, der für die Straßenplanung in Elmshorn zuständige Mitarbeiter, hatte uns angeboten, dass wir ja unsere eigenen Schilder anfertigen lassen könnten. Das Aufhängen würde die Stadt erledigen“, ergänzt Sandra Wolfsteller. Doch eine derartige Plakatierung würde nichts bringen, da sind sich die Betroffenen einig. „Was die Stadt hier mit uns macht, ist aktive Sterbehilfe. Ich bin sicher, dass einige Geschäfte diese Baustelle nicht überleben werden“, sagt Norbert Böhlke.

Die anliegenden Geschäftsleute lassen jetzt rechtlich prüfen, ob sie Ansprüche auf Schadensersatz gegen die Stadt geltend machen können. „Es geht schließlich um unsere Zukunft“, sagt Böhlke.

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