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Unterricht mit Händen und Füßen : An der Friedrich-Ebert-Schule in Elmshorn werden Flüchtlingskinder durch „DAZ-Klassen“ integriert

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

In „DAZ-Klassen“ werden an der Friedrich-Ebert-Schule überwiegend Kinder von Flüchtlingen auf die regulären Grundschulklassen vorbereitet.

shz.de von
erstellt am 16.Sep.2015 | 16:20 Uhr

Elmshorn | Lea Fritz sitzt auf dem Fußboden eines Klassenzimmers. Um sie herum hocken zwölf Kinder zwischen sechs und neun Jahren, die meisten von ihnen haben schwarze Haare und eine dunklere Hautfarbe. Die Lehrerin hält eine bunte Karte hoch und sofort reißt mehr als die Hälfte der Schüler die Hände in die Luft. Lea Fritz hat kaum Zeit, ihre Frage zu formulieren, so dringend will jeder zeigen, was er kann.

„Es ist unglaublich, welche Power, welchen unbändigen Willen diese Kinder haben“, sagt Dieter Ackmann, Schulleiter der Friedrich-Ebert-Schule. „Diese Kinder“, das sind 29 junge Menschen aus Syrien, aus Afghanistan oder aus der Ukraine. Die meisten von ihnen mussten mit ihren Eltern oder anderen Verwandten aus ihren Heimatländern fliehen. Jetzt besuchen sie die beiden DAZ-Klassen an der Elmshorner Grundschule. „DAZ“ steht für „Deutsch als Zweitsprache“. Die Lehrer verständigen sich mit ihren Schützlingen hier mit Hilfe von Bildern und einfachsten Sätzen, oft auch nur mit Händen und Füßen.

Die Sprachbarriere ist für Elena Bat aber gar nicht das größte Problem im Umgang mit den Kindern. Sie koordiniert alle fünf DAZ-Klassen in Elmshorn und unterrichtet die 17 älteren Kinder an der Friedrich-Ebert-Schule. „Die größte Schwierigkeit ist, wenn die Kinder mit zehn Jahren völlig desorientiert und traumatisiert zu uns kommen und noch nie eine Schule von innen gesehen haben.“

Durch alle Altersklassen

In der Klasse von Elena Bat werden Kinder, die mit zehn Jahren noch keinen einzigen Buchstaben lesen können, ebenso unterrichtet wie Achtjährige, die mit dem altersgerechten Schulstoff wunderbar zurecht kommen. Siebenjährige sitzen hier neben Zehnjährigen, Kinder aus Syrien neben Kindern aus der Ukraine. „Für eine Stunde muss ich siebzehn Unterrichtskonzepte haben“, sagt Bat. Jedes Kind wird nach seinen Fähigkeiten und seinem Wissensstand individuell gefördert. Meistens arbeitet zusätzlich ein zweiter Lehrer, oder ein Praktikant mit zwei Schülern im Nebenraum an einem Unterrichtsthema, mit dem die Schüler besondere Probleme haben.

Die Lehrer vermitteln den Kindern aber nicht nur Wissen über Mathematik, Deutsch und Sachkunde. Auch kulturelle Unterschiede sind ein großes Thema. Zum Beispiel, wenn ein Junge nicht versteht, warum es ein Problem ist, wenn er sich weigert, mit Mädchen zu sprechen. Oder wenn ein Kind an Stelle einer Toilette die Dusche benutzt. „Aber aus solchen Erlebnissen lernt man. Jetzt erklären die Kinder das den Neuankömmlingen in der ersten Pause“, sagt Elena Bat.

 
 
 

Normalerweise bleiben die Kinder zwischen vier Monaten und eineinhalb Jahren in einer DAZ-Klasse. Dann kommen sie in die regulären Grundschulklassen, werden aber immer noch stundenweise gefördert. „Aufbauklasse“ nennt Schulleiter Dieter Ackmann diese Zwischenstufe. Und dann erzählt er stolz von dem Fall von Kian aus Syrien. Nach nur drei Monaten konnte der Junge von der DAZ-Klasse in eine reguläre Grundschulklasse wechseln, am Ende des 4. Jahrgangs war er Klassenbester, nahm an allen möglichen Gruppen und Aktivitäten teil und besucht heute ein Elmshorner Gymnasium.

Was die Kinder auf der Flucht aus ihrem Heimatland erlebt haben, erfahren Lehrer wie Lea Fritz und Elena Bat in der Regel erst sehr spät. Bei der Anmeldung sind die Eltern meist sehr verschlossen – „und dann gibt es natürlich auch das Sprachproblem“, erklärt Elena Bat. Manchmal sehen die Lehrer, wie ihre Schützlinge Bilder von Bomben und Feuer malen, die nur erahnen lassen, welche Schrecken sie in ihrem jungen Leben schon durchleben mussten. Ganz am Ende eines Schuljahres, während einer Projektwoche, hat die Klasse von Elena Bat dann über das Thema Heimat Deutschland und Heimatländer gesprochen. „Ein Mädchen hat erzählt, dass sie von Syrien aus bis in die Türkei zu Fuß gelaufen ist“, sagt Elena Bat.

Lieber Unterricht als Ferien

Neben solchen bedrückenden Geschichten gibt es dann aber auch die positiven Erlebnisse, zum Beispiel wenn die Kinder unglaublich schnelle Fortschritte beim Erlernen der deutschen Sprache machen oder wenn sie sich im Unterricht richtig ins Zeug legen, obwohl sie schreckliche Erlebnisse hinter sich haben, aus ihrer Heimat gerissen wurden und sich jetzt in einer völlig neuen Kultur zurecht finden müssen. Und dann sind da noch die letzten Tage vor den Schulferien oder vor den Wochenenden. „Alle anderen Kindern freuen sich und jubeln“, sagt Elena Bat. „Aber die Kinder in den DAZ-Klassen sind traurig. Sie gehen gerne zur Schule – vielleicht, weil das hier ein Bereich ist, den sie kennen und wo sie Freunde haben.“

In Elmshorn gehen derzeit rund 70 Grundschüler in fünf DAZ-Klassen an drei Schulen. Die zweite DAZ-Klasse an der Friedrich-Ebert Schule ist erst in diesem Schuljahr eröffnet worden – und personell wäre noch Platz für eine weitere Klasse. Nicht alle Kinder in den DAZ-Klassen sind Flüchtlinge, aber es werden immer mehr. Wieviele neue Schüler wann dazu stoßen, das weiß niemand im Voraus. In den DAZ-Klassen ist ständig für irgendein Kind erster Schultag.

In der Klasse von der jungen Lehrerin Lea Fritz darf Yasmine endlich sagen, was auf der Karte zu sehen ist. „Eine Schere“, verkündet das Mädchen selbstbewusst – und als Lea Fritz sie dafür lobt, strahlt sie über das ganze Gesicht.

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