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Elmshorner Nachrichten

22. August 2017 | 16:45 Uhr

Als die Kirchen schwiegen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Eine Wanderausstellung in der Stiftskirche zeigt die späte Aufarbeitung der Nordkirche mit ihrer NS-Vergangenheit

Als die Elmshorner Synagoge am Flamweg am 10. November 1938 brannte, fasste ein Feuerwehrmann einen mutigen Entschluss: Er nahm die Torarolle mit und versteckte sie. 1953 übergab der Retter sie Rudolf Baum, einem Elmshorner Juden, der 1936 nach Amerika übergesiedelt hatte. Baum gründete das Judaica Museum in New York, wo sich die Elmshorner Tora auch heute noch befindet.

Geschichten wie diese finden sich viele über die Zeit des Dritten Reichs. Nicht immer haben diese Geschichten einen guten Ausgang. Manche wurden vielleicht auch noch nie erzählt. Eine Ausstellung in der Elmshorner Stiftskirche könnte nun der Anlass sein, das Schweigen zu brechen.

Die Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ befasst sich mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Im Fokus stehen dabei die Kirchen des Nordens. „Da sind wirklich Dinge passiert, die einen heute sprachlos machen“, sagt Pastor Willfrid Knees, der für die Ausstellung selbst recherchiert hat. Da war etwa Ernst Szymanowski-Biberstein: Pastor in Kaltenkirchen und Propst in Bad Segeberg, SS-Mitglied, Gestapochef, verantwortlich für die Erschießung tausender Menschen in der Ukraine. „In Itzehoe soll er einen Gottesdienst in SS-Uniform geleitet haben“, so Knees. Zwar wurde Szymanowski-Biberstein 1948 zum Tode verurteilt, doch durch den Einsatz des Propst von Neumünster kam es nie zu der Vollstreckung des Urteils.

Die Ausstellung zeigt, wie sehr auch die Kirche sich im Dritten Reich schuldig gemacht hat. Noch schwerer wiegt, dass gerade die Kirchen im Norden ihre Schuld lange nicht aufgearbeitet haben. Erst in den 90er-Jahren kam die Beschäftigung mit dem Thema langsam in Gang. „Natürlich ist es beschämend, dass die Kirche so lange geschwiegen hat“, sagt Thomas Bergemann, Propst des Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf.

Die Wanderausstellung tourt durch Hamburg und Schleswig-Holstein. Dabei wird es an jedem Ausstellungsort ein sogenanntes Lokalfenster geben, das einzelne Geschichten aus den Orten in den Fokus setzt. Für Elmshorn ist die Beschäftigung mit Dr. Franz Lucas, einem Lagerarzt in Auschwitz, geplant. Lucas wohnte und arbeitete nach Kriegsende in Elmshorn.

Die Ausstellung wird am heutigen Freitag um 18 Uhr, in der Stiftskirche eröffnet. Der Historiker Stephan Linck, auf dessen Forschung die Ausstellung basiert, wird zur Eröffnung einen Vortrag halten. Zudem wird um 16 Uhr am Donnerstag, 31. März, ein Erzähl-Café unter dem Titel „Wie war es damals nach 1945?“ im Gemeindesaal der Stiftskirche, Friedensallee 35, eingerichtet. „Mir ist es wichtig, dass die Menschen darüber ins Gespräch kommen. Hier gibt es die Chance über Dinge zu sprechen, worüber früher geschwiegen wurde“, sagt Pastor Knees.

Außerdem wird am Karfreitag, 25. März, in der Kirchengemeinde St. Nikolai, Alter Markt, der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ gezeigt. Der Film thematisiert die Widerstände gegen den Auschwitzprozess in der Nachkriegszeit. Die Vorführung beginnt um 20 Uhr.

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