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Elmshorn : Als die DDR-Autos den Buttermarkt eroberten

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

November 1989: Die neue Reisefreiheit nach dem Mauerfall im Spiegel der Elmshorner Nachrichten.

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2014 | 10:00 Uhr

Elmshorn | Am 9. November 1989, vor 25 Jahren also, fiel die Mauer in Berlin – und die DDR öffnete ihre Grenzen zur Bundesrepublik. In den nächsten Tagen und Wochen probierten Zehntausende von DDR-Bürger die neue Reisefreiheit aus. Sie kamen auch nach Elmshorn – und die Elmshorner Nachrichten berichteten über die Ereignisse.

„Grenze offen: Menschen weinten und fielen sich in die Arme“ – so titelten die EN am 10. November 1989 – einem Freitag. Die DDR hatte am Vorabend die Grenzübergänge zur Bundesrepublik geöffnet, und Zehntausende von DDR-Bürgern hatten die neue Reisefreiheit für Kurzbesuche im Westen genutzt. Besonders in Berlin hatten mehrere zehntausend Ostberliner die innerstädtische Grenze passiert und feierten den „historischen Tag“ gemeinsam mit den Westberlinern.

Weiter hinten in der Zeitung konnte man unter „Nachrichten“ etwas über die dramatischen Ereignisse der letzten 24 Stunden lesen: „Offene Grenze!“ hieß es da, oder: „Die große Stunde des deutschen Volkes“. Und: „Deutschland im Freudentaumel“. Über das „Durchbrechen der Sperranlagen“ wurde geschrieben, und dass der neue DDR-Staatschef Egon Krenz geäußert hat: „Wir lernen gerade Reisefreiheit.“

Das war am Freitag – Sonnabend und Sonntag darauf kamen dann die DDR-Bürger leibhaftig an die Krückau. „Trabis auf dem Buttermarkt“ lautete die Schlagzeile der Elmshorner Nachrichten am Montag, und im Artikel hieß es: „Damit hatte keiner gerechnet, doch am Wochenende waren auch in Elmshorn die Trabis und Wartburgs zu sehen, zu hören und zu riechen.“ Mehr als 200 Besucher kamen aus der DDR in die Krückaustadt, um Verwandte und Bekannte zu besuchen.

Die Zeitung weiter: „Die Mitarbeiter des Elmshorner Sozialamtes, der Post und des Deutschen Roten Kreuzes waren schnell zur Stelle und halfen unbürokratisch. Die Bilanz: Rund 20 000 Mark Begrüßungsgeld wurden am Wochenende in Elmshorn ausgezahlt.“ Alle Beteiligten waren von dieser Entwicklung überrascht. Der damalige Sozialamtsleiter Edwin Henkelmann kommentierte: „Wir waren vollkommen unvorbereitet und haben spontan einen Notdienst eingerichtet.“ Formulare? Fehlanzeige! Vordrucke waren auf die Schnelle nicht zu bekommen und so entwarf Henkelmann selbst eines mit dem Kugelschreiber und kopierte es zigfach.

Nur einer blieb gleich hier

Die Gäste aus dem jetzt so nahen Osten jedenfalls waren begeistert: „Mit der Rückfahrkarte zum friedlichen Wiedersehensfest nach Elmshorn“ – das war ein „Erlebnis fürs Leben!“ schildern die Reporter das Gefühl der Menschen. Gleich hier bleiben wollte nur ein einziger der Besucher, eine Reihe von DDR-Bürgern blieb bis zum Montag, um noch einkaufen zu können, aber die meisten fuhren am Sonntag zurück, um am nächsten Tag wieder pünktlich bei der Arbeit sein zu können. Zurück blieben freundschaftliche Gefühle – und eine Pflastermalerei auf der Straße Vormstegen – bestehend aus ein paar Herzen und den Buchstaben BRDDR.

Wie in Elmshorn gab es fast überall in Deutschland solche Szenen des Wiedersehens. Auch darüber berichtete die Zeitung: „Die Nation liegt sich in der Armen“, hieß es da, „Berlin – eine einzige Wiedersehensfreude“ oder „Frühstück auf dem Alexanderplatz – Ost und West reichen sich die Hände“. Volksfeste, so war es zu lesen, fanden beispielsweise in Lübeck statt und in Lauenburg an der Elbe.

In Elmshorn wird weiter gefeiert. Am 14. November berichten die Elmshorner Nachrichten darüber, dass zur Feier der Grenzöffnung das Unternehmen „Blume 2000“ jedem Elmshorner kostenlos einen Blumenstrauß überreichte – als „blühendes Andenken an ein geschichtsträchtiges Wochenende.“

Bei der Post wird auf die Begrüßungsgeld-Auszahlung am Wochenende hingewiesen.
Bei der Post wird auf die Begrüßungsgeld-Auszahlung am Wochenende hingewiesen. Foto: Petersen
 

Obwohl die Presse in dieser Woche von einer noch weitgehenderen Öffnung der DDR-Grenze berichtete, sollen die Geschäfte und Läden in der Elmshorner Innenstadt nicht das ganze Wochenende über geöffnet haben. „Elmshorner Geschäfte bleiben dicht!“ lautete die entsprechende Überschrift in den EN. Solche Öffnungszeiten seien den Beschäftigten nicht zuzumuten, hieß es damals. Gerade war der „Dienstleistungsabend“ am Donnerstag beschlossen worden – und von einem verkaufsoffenen Sonntag war noch nie etwas zu hören gewesen. Nach und nach fanden sich dann aber doch ein paar Läden, die für die Gäste aus der DDR öffnen wollten: „Bogart, M&S-Mode, Jean Pascal“ zählt die Zeitung auf sowie „Möbel-Unger in Horst“.

„250 DDR-Bürger besuchten Elmshorn“ zogen die Elmshorner Nachrichten am Montag nach dem zweiten freien Grenz-Wochenende die Bilanz für die Krückaustadt. Und in der Tat: Die wenigsten von ihnen wollten in der Stadt einkaufen – dafür fuhren sie lieber weiter nach Hamburg.

Auch die damals bei den Lesern beliebte, manchmal umstrittene Karikatur „Rund um den Buttermarkt“ griff das Thema „Trabis in Elmshorn“ auf.

Am dritten Wochenende nach der Grenzöffnung waren die Besuche aus der DDR für die Bewohner der Krückaustadt bereits so etwas wie Normalität geworden – und der erste Besucheransturm war wohl auch vorbei. In der Ausgabe der Elmshorner Nachrichten vom Montag, 27. November 1989, zumindest bestimmte wieder die ganz „normale“ Aktualität die Schlagzeilen auf der Titelseite: ein Dachstuhlbrand in der Friedensallee, ein Kreisparteitag, ein Einbruch in eine Autowerkstatt, der Tennis-Ball im Casino Royal und der Weihnachtsmarkt in der Familienbildungsstätte Elmshorn.

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