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„Elmshorn liest“ : Alex Capus begeistert beim Abschluss von „Elmshorn liest ein Buch“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Der Schriftsteller gewährt den Zuhörern Einblicke in die Entstehungsgeschichte seines Werks.

shz.de von
erstellt am 03.Nov.2014 | 14:00 Uhr

Elmshorn | „Wieso erzähle ich das? Jetzt bin ich ein bisschen abgeschweift.“ Doch das nahm wohl niemand von den knapp 200 Besuchern, die zu seiner Lesung gekommen waren, Alex Capus übel. Die Veranstaltung am Sonnabend in der Sparkasse war Höhepunkt und Abschluss der viertägigen Aktion „Elmshorn liest ein Buch“. Das Buch hieß in diesem Jahr „Eine Frage der Zeit“ und wurde von dem Schweizer Autor Alex Capus verfasst.

„Weil es ja doch auch eine Lesung ist, lese ich ein Stück“, beschloss der Mann im schwarzen T-Shirt mit dem grauen Stoppelbart und der eingängigen, tiefen Stimme schließlich. Letztlich brachte er es nur auf zwei kurze Ausschnitte aus seinem Buch, denn vor lauter Erzählen kam er nicht so recht zum Lesen. Es passt einfach nicht alles auf die knapp 300 Buchseiten, was Capus bei seinen Recherchen gefunden hatte. Thema seines „Dampfschiffbuchs“: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wird auf der Papenburger Meyer-Werft ein Dampfer in 5 000 Holzkisten verpackt und nach Ostafrika gebracht, wo er am Tanganjikasee wieder zusammengebaut wird. Capus erzählt diese historisch verbürgte Geschichte aus der Perspektive der drei Arbeiter aus Papenburg, die das Schiff nach Afrika brachten. Mit der Tochter des einen hatte er vor dem Schreiben sogar noch gesprochen.

„Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie das für die drei war, als sie nach Ostafrika fuhren“, beschrieb Capus seine Perspektive. Dafür reiste er sogar nach Ostafrika, den Kontinent hat er mehrfach bereist. Bei seinen Recherchen stieß er auf die Absurditäten der Kolonialzeit: „Wenn ich das erfunden hätte, wäre das albern, diese Gouverneurin namens Schnee in Afrika“, stellte er fest: „Aber es war so, was soll ich machen?“

„Wir sind sehr zufrieden“, bilanzierte Rita Schliemann: Als Leiterin des Elmshorner Kulturamts hatte sie „Elmshorn liest“ organisiert. Dazu gehörten in diesem Jahr eine Fahrt zur Meyer-Werft, ein Besuch im Thalia Theater, eine Filmaufführung, eine Sonderführung durchs Industriemuseum, eine Lesung mit Musik in der Stiftskirche und literarische Abendessen mit den Mitgliedern des Literarischen Quartetts. Zur Lesung hatten sich noch einmal verschiedene Akteure zusammengetan: Musiklehrer Matthias Wichmann hatte eigens zu diesem Anlass drei Stücke komponiert, die er  mit Schülern des Bismarck-Gymnasiums aufführte. Die IG Modellbau stellte historische Schiffe aus und hatte sogar ein Modell der „Götzen“ aufgetrieben. Das Stadtarchiv präsentierte historische Bilder der Elmshorner Kremer Werft.

Voller Zuschauerraum

Die Sparkasse war voll, die Stiftskirche auch, trotzdem: „Das ist kein Volksfest, sondern eine Veranstaltung mit viel Niveau“, sinnierte Schliemann über das eher kleine Publikum: „Ich bin immer am Überlegen: ‚Lohnt sich das?‘“ In diesem Jahr beantwortet sie sich die Frage mit einem klaren „Ja“. Sie habe bei den Veranstaltungen „komplett andere“ Besucher als sonst gesehen: „Die Leute sind immer wieder fasziniert, dass es um ein echtes Boot geht, das heute noch auf dem Tanganjika See fährt.“

Dahin kam die „Götzen“ übrigens auf Eisenbahnschienen, die 1913/14 verlegt wurden und bis heute benutzt werden. Warum die hölzernen Schwellen für diese Strecke gleich vier Mal zwischen Hamburg und Daressalam in Tansania transportiert wurden und sich dann trotzdem als unbrauchbar herausstellten, das erzählte Alex Capus: Die Eichenbohlen wurden geliefert, von Termiten angefressen, zurückgeschickt, geteert, wieder geliefert und dann immer noch von Termiten angefressen. Heute liegen dort stählerne Schwellen, berichtete Capus von seiner Fahrt auf dieser Strecke: Sie tragen Stempel: „Krupp 1913“. Vor soviel Absurdität kapitulierte der Kreative: „Dinge, die dürfte man nicht erfinden.“ Aber der Erzähler profitierte um so mehr von diesem üppigen Fundus an Material.

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