zur Navigation springen
Elmshorner Nachrichten

17. Oktober 2017 | 06:13 Uhr

Ältestes Horster Haus vorm Abriss

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

An die Stelle des ehemaligen Kirchspielkrugs soll ein Wohnhaus rücken / Engagierte Bürger sind darüber bestürzt

shz.de von
erstellt am 07.Jan.2016 | 14:38 Uhr

Es ist das älteste Gebäude im Horster Ortskern: der ehemalige Kirchspielkrug. Schön sieht es derzeit nicht aus. Doch das liegt daran, dass einige Besitzer nicht so pfleglich mit dem geschichtsträchtigen Haus umgegangen sind, wie sie es aufgrund der historischen Bedeutung vielleicht hätten tun sollen. Doch nun steht sogar der Abriss des Hauses bevor. Das Elmshorner Unternehmen Semmelhaack hat das Haus erworben und will an seiner Stelle ein modernes Wohnhaus errichten.

Für eine Gruppe engagierter Horster, die das Haus gern erhalten hätte, ein weiterer Beleg, dass in Deutschland Altes nicht mehr wertgeschätzt wird. Denn für den Bau- und Kunsthistoriker Holger Reimers, Werner Schlüter vom Horster Ortsarchiv sowie den Landschaftsarchitekten Wolfhardt Prieß ist der frühere Kirchspielkrug ein Kleinod und alles andere als ein Schandfleck. Sie haben für unsere Zeitung die Geschichte des Hauses zusammengestellt. Hier Ihr Bericht:

„Das Gebäude des ehemaligen Kirchspielkrugs begrenzt den Horster Marktplatz nach Norden. Im gemeindlichen Leben der Horster war es mehr als 325 Jahre das wichtigste Gebäude neben der Kirche. Seine Besitzer waren in erster Linie Landwirte, deren Ländereien sich vom heutigen Park entlang der Schulstraße bis zur Jahnstraße erstreckten. Erst in zweiter Linie waren sie auch Krugwirte. Der Kirchspielkrug, der seit spätestens 1561 besteht, hatte entscheidende Privilegien aufzuweisen. Zunächst war er bis 1838 das einzige Krughaus am Ort.

Das Monopol des Bierbrauens und des Schnapsbrennens sowie der öffentliche Ausschank dieser Getränke ist nicht die einzige Besonderheit dieses Hauses gewesen. In diesem Anwesen war auch die Dingstätte des Kirchspiels Horst, das damals noch ein Patrimonalgut des Klosters Uetersen war. Der Begriff „Ding“ ist aus dem nordgermanischen Thing abgeleitet und bedeutet Volks- und Gerichtsverhandlung.

So fanden hier über viele Generationen alle Zusammenkünfte der Gemeinde, Sitzungen der Gremien, Gerichtsverhandlungen und Vereinstreffen statt. Im Hause waren auch die Gefängniszellen für den Ort untergebracht und auf dem Vorplatz stand der Schandpfahl, eine mittelalterliche Einrichtung, die zur Schaustellung von Verurteilten diente (Ein originaler Nachbau wurde vor eignen Jahren am Eingang des Parks wieder aufgestellt).


Seit 1840 konnten große Bälle stattfinden


Über die Jahrhunderte hinweg veränderte sich das Haus und erhielt seine stattliche Erscheinung. Um 1840 wurde der Flügelanbau zweigeschossig erneuert mit einem Saal über die gesamte Hausbreite. Nun konnten hier große Bälle stattfinden, sogar Zirkusvorstellungen wurden hier gegeben. Eine Kegelbahn, Hotelzimmer und Clubräume vervollständigten das Angebot. Der große Garten (heute Park) wurde angelegt und in ihm Sommerfeste mit großen Feuerwerken veranstaltet.

Der Horster Kirchspielkrug war in seiner Zeit ein großer Anziehungspunkt für die gesamte Kremper Marsch. Erst 1886 wurde die Wirtschaft eingestellt. 1915 erhielt das Haus durch Einbau eines Geschäfts im Erdgeschoss und Wohnungen im ersten Stock eine neue Nutzung.

Für Horst ist der Kirchspielkrug das, was für Berlin das Stadtschloss war. Das Stadtschloss war im Krieg ausgebrannt und wurde nach 1945 abgebrochen. Der Kirchspielkrug als wichtigste Institution nach der Kirche ist unansehnlich geworden durch unsachgemäße Modernisierungen, aber er steht noch.

Die entstellte Fassade mit den ihrerseits wieder entstellten Anbauten der 1950er-Jahre hielt auch Fachleute davon ab, darin ein geschichtsträchtiges Bauwerk zu sehen. Hinter den Fassaden steckt jedoch die gesamte Baukonstruktion eines landschaftstypischen Fachhallenhauses (wie bei den Bauernhäusern) mit dem zweigeschossigen Anbau, der im Erdgeschoss die Gaststuben und im Obergeschoss den Saal enthält. Die Substanz von 1705 mit den Umbauten von 1785 und ca. 1840 ist noch vorhanden. Im Obergeschoss des linken Flügels ist der Saal von ca. 1840 mit 130 qm Grundfläche und einer eleganten klassizistischen Stuckdecke erhalten. In den Saal wurden nach 1915 Wohnräume eingebaut, die Stuckdecke des Saales von ca. 1840 ist darüber erhalten.

Auch die Fassaden sind noch vorhanden, nur im Erdgeschoss sind die Öffnungen verändert. Es ist einfach, den in der Visualisierung dargestellten Zustand wieder herzustellen. Das Mauerwerk ist weitgehend vorhanden, besonders im Bereich des Dielentores wurde es verändert. Aber das wären „normale“ Reparaturmaßnahmen. Es wäre möglich gewesen.

Anstelle des Kirchspielkruges werden zeitgemäße Neubauten im Stil unserer Zeit entstehen. Anstelle eines historischen Bauwerkes, das das Ortsbild über 300 Jahre geprägt hat, entsteht etwas Neues. Das Ortsbild in der Nähe von Kirche, Pastorat und dem Hotel Stadt Hamburg wird sich verändern. Die frühere nördliche Begrenzung des früheren Marktplatzes wird ein neues Erscheinungsbild bekommen.

Anstelle von Neubauten hätte der Kirchspielkrug in seiner Substanz erhalten, in seinen Fassaden wiederhergestellt werden können und mit einer neuen Nutzung für weitere 300 oder gar 500 Jahre „fit“ gemacht werden können. Das „alte Haus in neuem Glanz“ hätte ein Gewinn für die Dorfmitte Horsts werden können. Ein „Schandfleck“ muss nicht unbedingt abgebrochen werden. Man kann auch den Wert erkennen und ihn wieder zu dem machen, was er einmal war: ein Kleinod. Die Methoden sind bekannt, die Kosten vorhersehbar, Fördermittel möglich.

Beispiele für einen respektvollen Umgang mit der historischen Bausubstanz gibt es auch in Horst. Nur einige davon seien genannt: Im Ort gehören beispielsweise die Häuser Am Markt 7, Elmshorner Straße 5, 8, 45, Schulstraße 27, Bahnhofstraße 2 (Gasthaus Stadt Hamburg), 7, 36, 38, 65 (Heidhof) dazu.

Die Kulturträger des Ortes haben die Möglichkeit, die Entwicklung von Ort und Ortsbild zu beeinflussen. Jeder Bürger kann zu einer Entwicklung in die eine oder andere Richtung beitragen: Wer möchte, dass Horst als Ort, der er ist, weiterhin wiedererkennbar bleibt, sollte etwas zur Bewahrung der individuellen über Jahrhunderte gewachsenen Substanz beitragen. Wie solche traditionell gepflegten Orte aussehen können, kann beispielsweise bei einem Ausflug nach Dänemark erlebt werden: das Dorf Mögeltondern und die Stadt Ribe sind vorbildlich.“


Baugenehmigung ist beantragt


Laut Firma Semmelhaack hätte das Haus erhalten werden können. „Wenn sich jemand gefunden hätte, wären wir bereit gewesen, das Gebäude „ohne Gewinn wieder abzugeben“, sagte Prokurist Arne Parchent auf Anfrage unserer Zeitung. Das sei auch der Gruppe, die das Haus gern erhalten hätte, mitgeteilt worden. Doch offensichtlich sei niemand gefunden worden, für den das wirtschaftlich machbar gewesen sei. Das Haus sei auch in seinem jetzigen Zustand allerdings de-saströs.

Dem Unternehmen sei aber bewusst, das es sich um einen für den Ort wichtigen Standort handele. „Wir wollen deshalb auch kein 08/15-Gebäude bauen“, so Parchent. Auf dem Gelände stehen zwei Gebäude. Insgesamt sollen an ihre Stelle 25 barrierearme Zwei- bis Drei-Zimmer-Mietwohnungen entstehen. „Der Bauantrag ist gestellt. In diesem Jahr ist Baubeginn“, sagt Parchent. Der genaue Abrisstermin stehe noch nicht fest.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen