Telekom zieht Stecker : Acht Tage lang hat eine Arztpraxis in Elmshorn kein Telefon und kein Internet

Die Telekom stellt alle ISDN-Anschlüsse auf die neue Technik „Voice over Internet-Protocol“ um.
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Die Telekom stellt alle ISDN-Anschlüsse auf die neue Technik „Voice over Internet-Protocol“ um.

Die Patienten sind sauer. Der Internist Johannes Puchner übt scharfe Kritik.

shz.de von
20. Januar 2017, 16:00 Uhr

Elmshorn | Akute Magenschmerzen. Doch der Anruf in der Gemeinschaftspraxis von Johannes Puchner am Koppeldamm in Elmshorn läuft ins Leere. Im Display wird „Falsche Nummer“ angezeigt. Die Arztpraxis ist für ihre Patienten plötzlich von einem Moment auf den anderen einfach nicht mehr erreichbar – und das acht Tage lang. Eine Katastrophe. In der Praxis selbst geht auch nichts mehr. Kein Telefon, kein Internet, kein Fax. „Die haben uns einfach den Stecker rausgezogen“, sagt Puchner.

Die, das ist die Telekom. Das Unternehmen stellt zurzeit bundesweit auf Internet-Telefonie um. Die alten ISDN-Anschlüsse sollen bis Ende 2018 ganz verschwinden, „Voice over Internet-Protocol“ (VoIP) heißt die neue Technik.

Puchner klemmt sich sofort ans Handy, hängt in Hotlines fest, versucht rauszufinden, was da überhaupt los ist, wer verantwortlich ist. „Die Telekom behauptet, dass sie uns per Brief im vergangenen Jahr dreimal auf die Umstellungsnotwendigkeit hingewiesen habe, der Vertrag ansonsten ausläuft.“ Die „Kündigunsgbriefe“ hat Puchner bis heute nicht gesehen. Was den Internisten besonders ärgert: Er ist bei der Telekom als Geschäftskunde unter Arztpraxen registriert. „Ich dachte, das gibt mir ein bisschen Sicherheit. Unser Anschluss wurde aber abgeschaltet, ohne, dass irgendjemand von der Telekom persönlich vorher mit mir noch einmal Rücksprache gehalten hat.“

Abschaltung ohne Vorwarnung: Puchner ist sauer. Seine Mitarbeiter müssen die drängenden Fragen, manchmal auch Wut und Zorn der Patienten, aushalten. Auch die von der Praxis in Auftrag gegebene Umstellung auf IT-Telefonie wird ein nervenaufreibender Kraftakt. „Von insgesamt neun Leitungen, sind bisher nur drei umgestellt worden“, kritisiert der Arzt.

Ein Telekom-Sprecher bedauerte gestern „die Verzögerung und den entstandenen Ärger“ für die Arztpraxis. Man werde dem Kunden finanziell entgegenkommen. „Warum unsere Schreiben die Anschlussinhaber nicht erreicht hat, können wir uns nicht erklären. Die Informationen sind laut unserem System ordnungsgemäß rausgegangen“, sagte der Telekom-Sprecher. Wöchentlich stellt das Telekommunikationsunternehmen zurzeit 60.000 Anschlüsse um. Über elf Millionen seien bisher erfolgreich umgestellt worden. Die Umstellung laufe in fast allen Fällen problemlos.

Auch die Perspektive in Elmshorn hat im November 2016 Post bekommen. „Auf das erste Schreiben habe ich gar nicht reagiert“, sagt Geschäftsführer Eckbert Jänisch. Erst beim zweiten wurde ihm klar, dass ihm auch eine Kündigung drohe. „Ich war mehr als irritiert.“ Für die Perspektive geht es um einen fünfstelligen Betrag, der in die neue Technik investiert werden müsste. Laut Telekom werden alle Kunden bis zu dreimal angeschrieben. „Diese Ankündigen müssen aus rechtlichen Gründen schriftlich erfolgen“, betont die Telekom.

In Elmshorn hat auch der Apotheker Henning Staggenborg negative Erfahrungen mit der Umstellung auf IP durch die Telekom gemacht, obwohl er alle Details vorab mit seinem Telekom-Berater abgesprochen hatte. „Es wurde plötzlich umgestellt, ohne dass ein Techniker vor Ort war.“ Anschließend hatte er in beiden Elmshorner Filialen kein Telefon, kein Internet, kein Fax und keine Alarmanlage mehr.

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