Elmshorner Kultur : 350 Jahre in zwei Stunden

Barbara Kratz verwandelt das äußerst spartanische  Bühnenbild mittels eines Paravents aus Metall mit wenigen Handgriffen in ein abwechslungsreiches Bühnenbild.
Barbara Kratz verwandelt das äußerst spartanische Bühnenbild mittels eines Paravents aus Metall mit wenigen Handgriffen in ein abwechslungsreiches Bühnenbild.

Der Virginia Woolf-Klassiker „Orlando“ im Haus 13 begeisterte aufgrund der erstklassigen Darstellerin das Publikum.

shz.de von
18. November 2013, 16:00 Uhr

350 Jahre – die vergehen doch eigentlich wie im Flug. Präziser: In gerade einmal zwei Stunden lässt sich die Zeitreise ganz kommod mitmachen. Das bewies am Freitag im „Haus 13“ in Elmshorn die Schauspielerin Barbara Kratz in – und allein das ist bemerkenswert – ihrer Soloaufführung des Virginia-Woolf-Klassikers „Orlando“.

Die Handlung des Originals – von der britischen Autorin 1928 veröffentlicht – setzt im England des 16. Jahrhunderts ein. Orlando, ein junger Adliger, verliebt sich auf einem Jahrmarkt auf der zugefrorenen Themse in eine russische Gräfin, die ihn nach einer kurzen Affäre jedoch verlässt. Orlando, tief betrübt, lässt sich als Botschafter nach Konstantinopel versetzen, fällt nach einem Aufstand in einen mehrtägigen Schlaf, aus dem er als Frau aufwacht. Zurück in England durchlebt Orlando, nun ganz Frau, das 18. und 19. Jahrhundert, verkehrt regelmäßig mit großen Schriftstellern, verliebt sich und heiratet sogar, bis die Geschichte schließlich im Jahre 1928 endet – Orlando ist nun 350 Jahre alt, fährt statt Kutsche mit Eisenbahn und Auto.

Nicht nur die Handlung ist erstaunlich und vielfältig: Auch Barbara Kratz erschafft mit einem äußerst spartanischen Bühnenbild und als alleinige Schauspielerin das, was eigentlich unmöglich scheint. Mit Hilfe eines raffinierten Paravents aus Metall lässt sie mit nur wenigen Handgriffen – hier eine Klappe geöffnet, dort ein Licht angeschaltet, da drüben einmal die Wand eingeklappt – mal eine englische Landschaft, mal ein Herrenhaus oder gleich ganz London auf der Bühne entstehen und zum Leben erwachen. Immer wieder versteckt sie sich in dem Metallapparat wie eine Raupe in ihrem Kokon, nur um wenige Sekunden später als ein neuer Charakter wie neugeboren auf der Bühne zu erscheinen.

So gibt sich nicht nur Orlando, sondern auch seine Haushälterin und die längst verstorbene Königin Elisabeth I. oder der Schriftsteller Alexander Pope ihr Stelldichein, um als Zeitzeugen vom wundersamen Leben des Orlando zu berichten.

Barbara Kratz als Orlando, der das Publikum als Erzähler durch seine eigene Geschichte führt – famos. Derartig verdichtet, ist „Orlando“ ein kurzweiliger Spaß, vor allem auch dank der enormen Spielfreude der alleinigen Darstellerin, die mit einem gehörigen Drive die Geschichte vorantreibt, ihre Charaktere geschickt skizziert und mit erstaunlich simplen Kniffen lebendige Szenen schafft. Das fantasievolle Kostüm und die bisweilen gewaltige und stets vielfältige Stimme der Barbara Kratz tun ihr übriges – 350 Jahre in nur zwei Stunden, eine Meisterleistung.

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