Auffangzentrum im Kreis Pinneberg : 1400 neue Tiere: „Krankenhaus für wilde Tiere“ schwitzt nach Hitzesommer

<p>Christian Erdmann und seine Frau Katharina Erdmann, die Leiterin der Wildtierstation ist, halten eine Landschildkröte und einen Königspython.</p>
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Christian Erdmann und seine Frau Katharina Erdmann, die Leiterin der Wildtierstation ist, halten eine Landschildkröte und einen Königspython.

Hier ein Hängebauchschwein, dort ein Königspython und viele Singvögel: Der Rekordsommer fordert die „Wildtierfreunde“.

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16. August 2018, 19:21 Uhr

Klein Offenseth-Sparrieshoop | Ganz behutsam und vorsichtig hält Christian Erdmann das junge Eichhörnchen in seinen geschulten Händen. Mit einem kleinen Fläschchen, gefüllt mit Aufzuchtmilch, füttert er das zutrauliche Tier. Das Eichhörnchen hat Pflege nötig.

Damit geht es dem Nager wie vielen anderen Tieren in der Wildtierstation bei Elmshorn. Sie alle leben in dem Auffangzentrum im Kreis Pinneberg, da sie in freier Wildbahn oder der Zivilisation in Not geraten sind und sich vorübergehend nicht selbst versorgen können. Die Schutzengel der verletzten Tiere sind Katharina und Christian Erdmann. Der gelernte Zootierpfleger und seine Frau haben die Station in der Gemeinde Klein Offenseth-Sparrieshoop 2012 eröffnet. Sie versorgen gemeinsam mit sechs Mitarbeitern pro Jahr rund 1800 Tiere auf einem etwa 2,6 Hektar großen Areal.

Dieser Sommer fordert die Helfer besonders: „Wir sind wirklich sehr ausgelastet und haben in diesem Jahr bereits rund 1400 Tiere aufgenommen.“ Aktuell bekomme die Auffangstation viele Singvögel, die unter Nahrungsmangel leiden.

Wassermangel als Folge der langen Trockenheit ist ein besonderes Problem

Der Tümpel für die Wildgänse ist ausgetrocknet, ebenso der Brunnen auf dem Gelände. An heißen Tagen müssen rund 500 Liter Wasser extra an die Tiere verteilt werden, sagt Katharina Erdmann. Die Pfleger der Wildtierstation müssen außerdem deutlich mehr Futter kaufen, da auf den Wiesen kein Gras mehr ist. Auch sei bestimmtes Tierfutter, wie zum Beispiel Mehlwürmer, über Wochen nicht mehr zu bekommen gewesen, so Erdmann.

Neben heimischen Wildtieren wie Eichhörnchen, Füchse, Feldhasen oder Rehe beherbergt die Wildtierstation auch Exoten. Die Polizei liefert immer wieder beschlagnahmte Tiere wie Schlangen, Echsen oder Schildkröten, sagt Christian Erdmann. Auch um Kängurus und Stinktiere musste sich das Team schon kümmern. Diese werden nach der Pflege nicht ausgesetzt, sondern an Zoos und Tierparks vermittelt. „Es ist einfacher die Tierarten aufzuzählen, die noch nicht bei uns waren“, erzählt Katharina Erdmann lachend.

<p>Katharina Erdmannfüttert ein Rehkitz mit einer Milchflasche. </p>
dpa

Katharina Erdmannfüttert ein Rehkitz mit einer Milchflasche.

Die Rettung von in Not geratenen Wildtieren sei manchmal eine echte Herausforderung, berichtet ihr Mann Christian. So hat der gelernte Zootierpfleger schon bei der Rettung von ölverschmierten Schwänen in der Nordsee helfen müssen. Auch zu einem Verbrechensort wurde der Tierretter schon gerufen: Eine Klapperschlange schlängelte zwischen den Beweisstücken umher. Und aus der Badewanne einer Messi-Wohnung musste Erdmann, der schon seit 30 Jahren in seinem Beruf arbeitet, einmal einen Kaiman mit einer Fangstange für Hunde befreien. Auch die Gründe für die Abgabe eines Tieres in der Station sind vielfältig.

Ein zurzeit im Wildtierzentrum beheimatetes Hängebauchschwein ist zum Beispiel ein verschmähtes Geschenk zu einem Junggesellenabschied.

Keine Unterstützung vom Staat

Neben Ehepaar Erdmann sind sechs weitere Mitarbeiter für die Tiere im Einsatz, darunter zwei Auszubildende. In der Hochsaison beschäftigt das Wildtierzentrum zudem Praktikanten. „Wir würden unseren naturpädagogischen Bereich gerne ausbauen und dazu noch einen Mitarbeiter für Informations- und Bildungsangebote einstellen - allerdings ist uns das mit den derzeitigen Mitteln nicht möglich“, sagt Katharina Erdmann.

Eine Förderung von Land oder Kommune erhält die Station nicht. Die größte finanzielle Unterstützung leistet die Tierschutz-Stiftung „Vier Pfoten“„ Der Rest wird über Privatspenden abgedeckt. Dennoch müsse stets knapp kalkuliert werden: „Wir würden uns mehr Wertschätzung durch die Politik wünschen.“ Für ausreichend Wertschätzung der Tiere sorgen die Pfleger in der Wildtierstation währenddessen selbst. Das junge Eichhörnchen ist laut Christian Erdmann bald schon wieder bereit für das Leben in Freiheit.

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