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Pointiert und sehr humorvoll : 100 Besucher beim Literarischen Quartetts der Elmshorner Nachrichten

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Gut besucht: 100 Besucher kamen zum Auftritt des Literarischen Quartetts der Elmshorner Nachrichten im Industriemuseum.

Elmshorn | Wenn sich ein Protagonist im Verlauf eines Romans 18 Mal – Ernst Thies hat nachgezählt – eine Scheibe Brot mit Käse und Marmelade schmiert: Ist das ärgerliche Nachlässigkeit eines weltbekannten Schriftstellers? Oder setzt Amos Oz seine vielen Wiederholungen als Stilmittel ein, um die Situation seiner Figuren abzubilden: eingesperrt wie im Gefängnis, mit den immer gleichen Gedanken und Diskussionen?

Solche Fragen aufzuwerfen, zu diskutieren und meistens nicht aufzulösen, sondern Ansichten nebeneinander stehen zu lassen und damit deutlich zu machen, wie vielschichtig das besprochene Buch ist: Dafür ist es gut, wenn nicht nur ein Kritiker spricht, sondern sich mehrere austauschen. Beim Elmshorner Literarischen Quartett ist dieses Format Programm. Am Sonnabend trafen sich die Rezensenten im Industriemuseum mit mehr als 100 Besuchern, um vier Bücher vorzustellen. Dabei war das Quartett allerdings zum Trio geschrumpft, Dierk Wulf musste wegen Krankheit aussetzen.

Für Wulf übernahm Moderator Knuth Penaranda die Einführung in „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz. Den Rest erledigten Christel Storm, Barbara Lutz und Ernst Thies in gewohnter Manier: pointiert, sachlich und immer zu einem Streit aufgelegt, den sie am liebsten in gemeinsamem Gelächter auflösen.

Janne Lütjens, eine junge Frau aus Neuendeich, war zum ersten Mal beim Quartett als Zuschauerin dabei: „Ich konnte mir das nicht vorstellen.“ Nach knapp anderthalb Stunden fand sie die Veranstaltung allerdings gut: „Die Bücher wurden ausgiebig besprochen.“ Einen Favoriten hatte Lütjens auch entdeckt, Washington Square von Henry James: „Das werde ich wahrscheinlich noch kaufen.“ Ein Buch aus dem viktorianischen Zeitalter, das schon bei seinem Erscheinen 1881 als „langweilig“ abqualifiziert wurde? Lütjens ist neugierig auf James’ Ironie. Und weil sie gern Jane Austen liest, schreckt sie der literarische Sprung ins 19. Jahrhundert nicht weiter.

Schwere Kost

Beim Treffen am Sonnabend hatten die Elmshorner Rezensenten schwere Kost dabei. Außer der Neuübersetzung von Henry James waren es „Der Überläufer“ aus dem Nachlass von Siegfried Lenz, „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells, 2015 Gast in der Stadt bei „Elmshorn liest ein Buch“, sowie „Judas“ von Amos Oz.

„Ein Buch, das einen fordert – das ist der Grund, warum ich gern lese“, charakterisierte Barbara Lutz das Werk des bekannten israelischen Autors. „Das ist ein ganz schwieriges Buch“, stimmte Christel Storm zu: „Verzweifeltes Weinen über Vergeblichkeit“ komme beim Lesen hoch. „Tatsächlich gar nicht mal so schlecht“ fand Ernst Thies das Werk, bemängelte allerdings viele Füllsel und die zahlreichen Wiederholungen, zum Beispiel bei den Butterbroten.

Lenz’ Überläufer kam nicht besonders gut weg; Storm und Lutz hätten es nicht bedauert, wenn er im Archiv geblieben wäre, statt verlegt zu werden; da konnte Thies kaum anders, als mit „gar nicht schlecht“ gegenzuhalten. Lutz’ Beispiel für einen missratenes Bild: „Die Sonne spreizte ihre Beine und stieg über den Horizont“ konterte er mit einem Zitat, das seiner Meinung nach für die Qualität des damals 25-jährigen Lenz steht: „Das Töten ist die größte Leistung, mit der wir aufwarten können.“

„Letztes Mal habe ich ein Buch gekauft, diesmal keins“, kommentierte Besucher Helmut Ziegler die Auswahl des Quartetts. Seit zwei Jahren kommt er regelmäßig zu den literarischen Veranstaltungen und hat dabei schon so manche Anregung bekommen. Diesmal fehlte ihm „ein bisschen mehr Action“. 300 bis 400 Seiten ohne viel Handlung, „dafür bin ich vielleicht nicht der richtige Leser“, so der Elmshorner.

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