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„Elmshorn supernormal“ Neue Stadtmarke: Dieser Streit ist supernormal

Von pen | 28.01.2017, 17:41 Uhr

Die neue Kampagne scheidet die Geister: Wirtschaft, Kultur und Vereine wollen helfen, viele Elmshorner sind skeptisch.

Die neue Stadtmarke für Elmshorn – selten hat eine Image-Aktion der Verwaltung für so viel Diskussionsstoff gesorgt. Der Slogan „Elmshorn supernormal“ soll, wie berichtet, den Ort künftig nach vorn bringen. Zum Werbespruch gibt es Logos, Karten und Plakate in knalligem pink. Die Kampagne hat viele Freunde, doch die Elmshorner üben auch massiv Kritik – vor allem in den sozialen Netzwerken im Internet.

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Fünf Jahre Vorbereitung, Workshops, Sitzungen, Befragungen und jede Menge Ideen: Die Stadt hat es sich mit dem neuen Image nicht einfach gemacht. Und deshalb war die Sache auch nicht ganz billig. Rund 60.000 Euro hat die Konzeption der Kampagne gekostet.

Das neue Elmshorn-Konzept stammt von der Kieler Agentur Boy-Strategie und Kommunikation GmbH. Die Kieler Strategen erfanden für das Land die Kampagne „Der echte Norden“ und sind Partner der Hamburg-Touristik. Besonders radikal haben die Werber das Stadtwappen verändert. Das von Wolfgang Horst Lippert 1954 entworfene Signet zeigt den Walfänger „Flora“ in Blau-Weiß-Rot, den Farben des Landes Schleswig-Holstein. Das neue Logo präsentiert das Flaggschiff als Piktogramm, formal auf das Wesentliche reduziert. „Das Wappen hat weiterhin einen hohen Wiedererkennungswert. Das Flora-Motiv ist toll umgesetzt“, sagt Bürgermeister Volker Hatje.

„Schritt in die richtige Richtung“

Doch kommt der geliftete Traditionssegler auch bei den alteingessenen Elmshornern an? „Das Wappen ist schon sehr stilisiert, ich weiß nicht ob das supernormal ist“ sagt Jürgen Wohlenberg, vom Elmshorner Stadtarchiv. Mit der Kampagne kann er sich jedoch anfreunden. „Ich war total gespannt, dann überrascht und finde mich jetzt als Elmshorner in dem Slogan gut wieder. In dieser Zeit normal zu sein – darauf kann man wirklich stolz ein“.

Ein „Schritt in die richtige Richtung“ ist die Stadtmarke für Hans-Gustav Stade, den Vorsitzenden des Elmshorner Heimatvereins „Tru un fast“. Das neue Stadtwappen sei zwar stark verändert und vereinfacht, doch es sei sofort zu erkennen. „Wichtig ist doch auch, dass nicht nur wir Älteren, sondern auch die Jungen Leute sich mit der Marke identifizieren. Das kann gelingen. Wir Elmshorner sind eben nicht abgehoben und wollen als Bewohner einer ganz normalen Stadt gesehen werden“, so Stade.

Peter Thomsen, Chef des Elmshorner Stadttheaters will die neue Elmshorn-Kampagne für seine Bühne nutzen. „Ich finde den Slogan sehr gut, vor allem deshalb, weil er sehr flexibel einsetzbar ist. Mit den Worten super und normal kann man wunderbar spielen“.

Das will auch der Elmshorner Kunstverein. Vorsitzende Christel Storm: „Wir werden darüber beraten, wie wir uns sinnvoll einbringen können“.

Geschäftsleute wollen Logo nutzen

Die Elmshorner Feuerwehr möchte ebenfalls für den Erfolg der neuen Elmshorn-Werbung arbeiten. Der stellvertretende Wehrführer Sven Stade nahm den neuen Slogan auf und erklärte: „Für alle, die hier sitzen, ist das Ehrenamt super normal.“

Nach Auskunft der Stadtverwaltung haben bereits mehrere Geschäftsleute angefragt, ob sie die Werbematerialien samt Stadtwappen für sich nutzen dürfen. Elmshorns größter Sportverein, der EMTV, hat ebenfalls großes Interesse an der Image-Kampagne bekundet. Bürgermeister Volker Hatje: „Das Logo ist für Jedermann frei verwendbar, das ist ausdrücklich gewünscht“.

Nähere Informationen gibt es bei der Wirtschaftsförderung im Rathaus.Dort laufen die Fäden zusammen. Wirtschaftsförderer Thomas Becken ist sehr zufrieden mit dem Start der Stadtmarke. „Die Bürger sprechen uns an und setzen sich mit dem Slogan kritisch auseinander. So soll es sein“.

Werbematerial zum Slogan „Elmshorn supernormal“ sei bereits vorhanden, so Thomas Becken. Die Stadt plane darüber hinaus eine Plakataktion, ein großes Markenfest in der City und Aktionen im Internet. Die Sparkasse, so Thomas Becken, entwickle derzeit die Idee für eine Ausstellung zur Stadtmarke.

Volle Unterstützung bekommt die Stadt von der Industrie- und Handelskammer zu Kiel (IHK). Paul Raab, Chef der Elmshorner Zweigstelle, findet die neue Stadtmarke „einfach großartig“. Der Slogan nehme das Lebensgefühl der Stadt auf. Raab kann sich vorstellen, die Kampagne zum Beispiel mit einem neuen unverwechselbaren Elmshorner Produkt zu stützen: dem Elmshörnchen. „Das könnte ein Croissant mit einer Himbeerfüllung sein. Sie spiegelt die Farbe der Kampagne wider. Vielleicht ist es ja möglich einige Bäcker davon zu überzeugen“, sagt Paul Raab.

„Unauffälliger Durchschnitt“

Viel Optimismus bei den Machern, doch wie sehen die Elmshorner Bürger ihre neue Stadtmarke? Leserin Barbara Tewes ist skeptisch: „Elmshorn ist nun supernormal. Klasse! Wie bringt man Wasser und Feuer zusammen? Super ist etwas Herausragendes, normal ist unauffälliger Durchschnitt. Muss man da vielleicht auch nachhelfen wie bei der Margarine, die Fett und Wasser zusammenzwingt – mit viel Chemie?“, schreibt sie in ihrem Leserbrief.

Wenig überzeugt sind die Teilnehmer einer Befragung unserer Zeitung im Internet. Die Frage „Passt supernormal zu Elmshorn?“ beantworteten 80,2 Prozent der Teilnehmer mit „nein“. Lediglich 19,2 Prozent sind mit dem Slogan einverstanden. Das ist deutlich, doch Wirtschaftsförderer Thomas Becken bleibt gelassen. „Wir müssen jetzt viel Überzeugungsarbeit leisten“. Die Marke müsse langsam „angefüttert“ werden. Becken: „Geben sie uns Zeit, der Startschuss ist gerade erst gefallen“.

Reaktionen auf Facebook

Elmshorn Die Nutzer auf Facebook reagieren auf die neue Stadtmarke einheitlich – und zwar einheitlich negativ. Für einen Nutzer ist der Slogan „Elmshorn supernormal“ einfach nur „nichtssagend, langweilig, ohne jeden greifbaren Inhalt. Ein Slogan sollte schon einen wiedererkennbaren Kern besitzen, aber den sehe ich hier null. Ganz im Gegenteil, ich finde, supernormal klingt wie Supermarkt – also fast schon abwertend.“ Auch anderen Kommentatoren ist das „Normale“ zu negativ, oder wie eine Nutzerin schreibt: „Wenn bei der Bürgerbefragung hauptsächlich herauskommt, dass sie Elmshorn für normal einstufen, hat das eher einen negativen Anklang, lieber Herr Hatje. Wenn ich mich freue, hier zu wohnen und alles schön wäre, würde ich doch nicht ,Elmshorn ist halt normal’ antworten.“

Wieder anderen ist der Slogan zu wenig aussagekräftig: „Wer interessiert sich schon für das Supernormale?“, „So egal, dass man einfach dran vorbei fahren kann“, oder „Total langweilig“ schreiben sie.

Die Nutzer kritisieren auch, dass die Stadt das viele Geld – rund 60000 Euro – besser für andere Zwecke als für eine Stadtmarke ausgegeben hätten: „Sicherlich haben jene, die sich für die ,supernormale Arbeit’ nun auf die Schultern klopfen, auch viel Geld dafür bezahlt“, schreibt ein Kommentator, ein anderer prophezeiht: „Superteuer war bestimmt die Arbeit dieser Agentur, aber superegal, weil der Steuerzahler dafür aufkommt und superschnell wird dieser Slogan wieder verschwinden – weil er super unwichtig ist.“ Und dann sind da noch diejenigen, die die Hintergrundfarbe der neuen Stadtmarke, „rot ohne blau“ mit dem markanten Magenta der Telekom vergleichen: „ Ist schon negativ behaftet durch die Telekom.Soll die Signalfarbe vom schwachen Inhalt ablenken oder implementieren, dass Elmshorn doch nicht ganz normal ist?“  Ein Facebook-Nutzer prophezeit Elmshorn dann auch eine zweifelhafte TV-Karriere in einer Satire-Sendung des NDR: „Der ganz normale Wahnsinn! Kommt bestimmt bei ,Extra 3’ auf den ersten Platz“. So oder so erfüllt sich hier der Wunsch von Stadtmarken-Strategin Beate Boy, die Bürger sollten sich an ihrer Marke reiben. Oder wie es Thorsten Mann-Raudies (SPD) bei Facebook schreibt: „Auch das ist normal an Elmshorn: Erst einmal schlecht machen. Damit hat die Marke das Ziel bereits erreicht. Chapeau!“