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Elmshorn Geldstrafe für Griff an den Po

Von Redaktion shz.de | 10.08.2020, 16:29 Uhr

Angeklagter erscheint nicht vor Gericht

Finja L. steht im Flur des Elmshorner Amtsgerichts, ihre Mutter begleitet sie. Trotz Maske ist der jungen Frau anzusehen, dass ihr Adrenalinpegel gerade sinkt, Anspannung und Nervosität langsam abflauen. Dabei ist sie offiziell nur als Zeugin geladen im Verfahren gegen Mohamed M., den die Staatsanwaltschaft wegen sexueller Belästigung angeklagt hat.

Aber Finja L. ist keine neutrale Zeugin, sondern diejenige, die M. vor ziemlich genau einem Jahr belästigt hat. Im August 2019 stand sie beim Hafenfest in einer Gruppe von Freunden: „Da hat er mir an den Po gegriffen und ist weitergegangen“, durch die Gruppe hindurch: „Ich habe das gar nicht realisiert“. Aber ihre – männlichen – Freunde reagierten: Sie liefen M. nach, stellten ihn und verständigten die Polizei.

Normalerweise wäre das Verfahren dann ohne großes Aufsehen verlaufen. Die Staatsanwaltschaft beantragte beim Amtsrichter einen Strafbefehl: 600 Euro Geldstrafe sollte Mohammed M. zahlen, 30 Tagessätze zu 20 Euro. Der Richter stimmte zu, aber M. widersprach, also wurde eine Hauptverhandlung angesetzt.

Bis zum Termin am vergangenen Freitag hatte den Angeklagten allerdings der Widerspruchsgeist verlassen: Weder M. noch sein Verteidiger erscheinen im Saal 2 des Elmshorner Amtsgerichts. „Wir haben leider erst gestern erfahren, dass sein Verteidiger keinen Kontakt zu ihm hat“, eröffnet Strafrichter Scheffel den Prozessbeteiligten, als sie pünktlich um 12.30 Uhr zur Eröffnung der Hauptverhandlung in den Saal gerufen werden.

Scheffel erklärt Finja L. und ihrer Mutter das weitere Verfahren: Eine Viertelstunde bekommt der Angeklagte noch Zeit, um verspätet zu erscheinen. Sollte er nicht auftauchen, werde der Strafbefehl automatisch zum Urteil. Kurze Pause also. In dieser Zeit treffen zwei Freunde von Finja L. ein, junge Männer, die als Zeugen geladen sind. Die drei unterhalten sich, gedämpft und doch weit hörbar in der Akustik, die Wartebereiche zu einer Zone macht, in der Persönliches unvermutet nach außen dringt. Finja L. berichtet ihren Freunden, dass sogar die Elmshorner Nachrichten anwesend seien. Nach einigen Minuten erfolgt der zweite Aufruf. Richter Scheffel bekräftigt, was er bereits angekündigt hat: 600 Euro Geldstrafe plus die Kosten für zwei Verfahren; das schriftliche und jetzt die öffentliche Hauptverhandlung mit Richter, Staatsanwältin, Protokollbeamter und Dolmetscher; die Gesamtrechnung wird deutlich im vierstelligen Bereich liegen. „Ich hoffe, dass Ihnen das wenigstens ein bisschen Genugtuung gibt“, wendet sich Richter Scheffel noch einmal direkt an Finja L.

Hinterher auf dem Flur des Amtsgerichtes resümiert Finja L. dass sich für sie das Verfahren gelohnt hat: „Ich habe jetzt die Bestätigung“. Sie will andere Frauen animieren, „sowas anzuzeigen“. Es war nicht das erste Mal, dass ihr bei einer Feier an den Po gegriffen wurde; aber zum ersten Mal hatte das Folgen für den Täter. „Da muss man sich als Frau wehren“, findet ihre Mutter: „Mein Körper gehört mir!“