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Ein Artikel der Redaktion

Um Strom zu sparen Elmshorner Pflegeheim will Bewohnern Elektrogeräte verbieten

Von Christian Brameshuber | 04.08.2022, 17:20 Uhr | Update am 06.08.2022

Drastische Schritte zum Stromsparen in einem Elmshorner Pflegeheim: Den Senioren sollen Kaffeemaschine und Wasserkocher weggenommen werden, heißt es in einem Schreiben. Die Heimleitung droht bei Widerstand mit hohen Nutzungsgebühren für die Geräte. Auf Anfrage rudert sie aber zurück.

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Kaffeemaschine – verboten. Ventilator – untersagt. Auch Eierkocher, Wasserkocher und Kühlschränke dürfen die Bewohner des Elmshorner Senioren- und Pflegeheims „Haus Thomsen“ auf ihren Zimmern ab dem 1. September nicht mehr benutzen. Das hat die Heimleitung angeordnet. Begründung: Die Einrichtung will in der Krise Strom sparen.

Seniorenheim in Elmshorn

Stromsparen auf dem Rücken alter Menschen

Meinung – von Christian Brameshuber

Und um dieses Ziel zu erreichen, greifen die Verantwortlichen knallhart durch. „Wir werden zum 28. August alle genannten Geräte – Stromfresser – einsammeln und einlagern oder an die Angehörigen zur Verwahrung geben“, heißt es in einem Schreiben von Heimleiter Burkhard Herrmann, in dem er die Bewohner, Angehörigen und Betreuer über die Sparmaßnahmen des Pflegeheims informiert. Das Schreiben der Heimleitung liegt shz.de vor.

Drastische Nutzungsgebühren angedroht

Und darin lässt der Heimleiter keinen Zweifel daran aufkommen, dass er sein Elektrogeräte-Verbot auch gegen Widerstände von Bewohnern oder Angehörigen durchsetzen werde. So droht er damit, bei fehlender Unterstützung beim Amt für Soziales monatliche Nutzungsgebühren für die verbotenen Geräte zu beantragen – in Höhe von 30 bis 60 Euro pro Gerät im Monat. Herrmanns Argument in dem Info-Brief:

„Ja, die Gebühren sollen abschrecken, weil die egoistische Nutzung von Zusatzgeräten die Heimkostenerhöhung Dritter nach sich zieht, unsolidarisch ist und die Gesamtanstrengungen der Gesellschaft hinsichtlich Energieeinsparung ignoriert.“
Burkhard Herrmann
Heimleiter

Heimleitung prangert unsolidarisches Verhalten an

56 Plätze gibt es in dem Seniorenheim, das sich auf der Homepage seiner familiären Atmosphäre rühmt. Laut Herrmann nutzt in der Einrichtung eine „Minderheit von maximal 10 Bewohnern“ die elektronischen Zusatzgeräte. Die Heimleitung wirft ihnen unverhohlen vor, sich unsolidarisch zu verhalten, weil sie ihre „höheren Stromkosten, regelmäßig an die Mehrheit der Heimbewohner zur Bezahlung weitergibt“.

Eine konkrete Pro-Kopf-Abrechnung gebe es nicht. Die Kosten für Strom flössen in die Pflegesatzverhandlungen ein und seien kein unerheblicher Preistreiber für das Wohnen in der Einrichtung.

TV-Geräte, Radios, Telefone und Computer werden den Heimbewohnern nicht weggenommen. In einem solchen Fall würde dann auch die Heimaufsicht des Kreises intervenieren. Das bestätigte eine Sprecherin der Kreisverwaltung auf Anfrage von shz.de. Pflegeheime müssten sicherstellen, dass von Bewohnern alle Geräte genutzt werden können, die den Menschen die Teilhabe am Leben ermöglichen.

Bei der Nutzung Kaffeemaschinen geht es um Privatrecht

Anders sieht es bei Kaffeemaschinen und Wasserkochern aus: Ob und welche privaten elektronischen Geräte von Heimbewohnern in einer Pflegeeinrichtung genutzt werden dürfen, ist laut Kreisverwaltung üblicherweise in den Nutzungsverträgen, die die Bewohnerinnen und Bewohner mit der Einrichtung schließen, geregelt und unterliege dem Privatrecht.

Heimleitung rudert zurück

Konfrontiert mit der Frage, ob die Heimleitung überhaupt das Recht habe, den Bewohnern ihre Elektrogeräte wegzunehmen, rudert Herrmann weit hinter sein „Wegnahme-Schreiben“ zurück. Er spricht nur noch von einem Appell und einer Bitte an die Senioren, von einer Diskussion, die mit allen Beteiligten im August weiter geführt werden solle, ob beispielsweise die Nutzung „eines Eierkochers“ wirklich sinnvoll sei. Mit allen Betroffenen soll es Einzelgespräche geben.

 

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