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Lokales

22. November 2017 | 08:47 Uhr

Eine Werkstatt als Herzenswunsch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Holländerhof, ein verlässlicher Partner für die Wirtschaft, entstand vor mehr als 50 Jahren durch eine Elterninitiative

von
erstellt am 05.Okt.2017 | 10:46 Uhr

Rund 11000 Menschen mit Behinderungen arbeiten hierzulande in Werkstätten – zwei Drittel davon in den 21 diakonischen Einrichtungen. Wie sieht die Arbeit dort konkret aus? Wie offen ist die Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen? Wie wirksam ist Inklusion? Die Serie „Miteinander“ in Zusammenarbeit mit der Diakonie Schleswig-Holstein informiert darüber.

Die größten Schwierigkeiten bereiteten vor allem die Vorurteile. Anfang der 60er Jahre trauten Außenstehende den Menschen mit Handicap kaum etwas zu. Die Betroffenen galten als bildungs- und arbeitsunfähig. Sie besuchten in jungen Jahren weder Kindergärten noch Schulen und wurden üblicherweise im Elternhaus betreut – oft ohne Kontakt zu anderen Gleichaltrigen. Bei einer Gruppe von Eltern entstand daher der Wunsch, den Kindern gemeinsam eine Beschäftigung und ihnen damit eine Perspektive zu geben. Eine Herzensangelegenheit, die 1964 zusammen mit dem Engagement der Mitglieder des Vereins „Lebenshilfe für das behinderte Kind“ in Flensburg Wirklichkeit wurde. Am Nordermarkt öffnete die Beschützende Werkstatt. Noch im gleichen Jahr zog sie dann aber in einen Bauernhof am Rande der Stadt – den Holländerhof.

Zu den ersten Aufgaben der zwölf Beschäftigten zählte es, Nachttischlampen zu bauen. Darüber hinaus war aber auch das Miteinander wichtig. Gemeinsam wurde musiziert, Sport betrieben. Auch Förderung stand an: Beschäftigte mit einer geistigen Behinderung konnten Lesen und Schreiben lernen, Sprachbehinderte erhielten Sprachheilunterricht – zu der damaligen Zeit ein Novum.

So wuchs die Zahl der Beschäftigten mit Behinderung kontinuierlich, ebenso die Zahl der Kunden. „Nur ein Jahr nach der Gründung zählten schon drei Firmen zu den Auftraggebern, woraufhin die Menschen mit Handicap erstmals ein monatliches Taschengeld von 35 DM bekamen“, erläutert Alfred Becker, ehemaliger Leiter der Einrichtung. Für eine höhere Zufriedenheit der Kunden kristallisierte sich jedoch schnell heraus, dass die Qualität der Produkte gesteigert werden musste. „Es kam damals zu häufig vor, dass die Waren Mängel hatten“, erinnert sich Werkstattleiter Hans-Nico Nissen. „Da aber nur ein zufriedener Kunde auch wiederkommt, überlegten wird uns, welche Vorrichtungen und Schritte wir einführen könnten, um die Schwächen der Menschen mit Behinderungen auszugleichen.“ Letztendlich erfolgte eine Professionalisierung mit intensiver Endkontrolle der Produkte. „Während vorher einige Betriebe aus Gutmütigkeit bei uns herstellen ließen, entwickelten wir uns danach zu einem verlässlichen Partner für die Wirtschaft.“

Mitte der 70er Jahre waren bereits 40 Menschen mit Behinderungen im Holländerhof tätig. Notwendige Neu- und Umbauarbeiten standen daraufhin an. Die Beschäftigten wurden zunehmend auch in die Gestaltung des Alltags miteinbezogen und halfen beispielsweise bei der Zubereitung des Mittagessens mit.

Heute, über 50 Jahre nach der Gründung, profitieren rund 360 Menschen mit Handicap vom Holländerhof als Werk- und Wohnstätte. Arbeitsplätze stehen unter anderem in Bereichen wie Gravur, Elektromontage, Metallverarbeitung, Gartenbau, Wäscherei oder Datenvernichtung zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es arbeitsbegleitende Maßnahmen, beispielsweise Bildungsreisen, Sportangebote und verschiedene Fördermaßnahmen. Die Mitarbeiter agieren selbstbestimmend und sind in Entscheidungen der Einrichtung eingebunden.

„In der Außenwahrnehmung hat sich etwas geändert“, bilanziert Einrichtungsleiterin Maria Rönnau. „Heute werden Menschen mit Handicap ernst genommen, ihnen wird mehr zugetraut.“ Eine Entwicklung, die sich über Jahre zog.



❍Infos: www.shz.de/diakonie-sh.

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