zur Navigation springen

Obdachlosenunterkünfte : Zwischen aufgeräumt und abgestürzt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Stadt investiert jährlich 41500 Euro in die Obdachlosenunterkünfte in der Ostlandstraße. Ihr Zustand hängt stark von der Pflege durch die Bewohner ab.

shz.de von
erstellt am 14.Okt.2014 | 05:53 Uhr

Der Himmel ist grau, es nieselt. Vor den Obdachlosenunterkünften in der Ostlandstraße ist niemand zu sehen. Bei dem ungemütlichen Wetter bleiben die Bewohner lieber drinnen. Außenstehende monieren immer mal wieder, dass sie hier unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen. Doch die Bedingungen schaffen sie sich oftmals selbst. Viele von ihnen sagen sogar, dass sie gar nicht wegziehen wollen.

Gebaut wurden die vier Wohnblöcke in den 60er-Jahren. Sie enthalten 33 Räume von 13 oder 23 Quadratmetern Größe. Die Zimmer sollen als Notunterkünfte dienen, um eine drohende Obdachlosigkeit abwenden zu können. „Wenn jemand zum Beispiel durch eine Trennung seine Wohnung verliert und keine andere Unterbringungsmöglichkeit hat, kann er hier unterkommen“, erklärt Klaus Kaschke, Leiter des städtischen Sozial- und Ordnungsamtes. „Er erhält dann eine Meldeanschrift, was wichtig ist, um zum Beispiel seine Bezüge weiterhin zu erhalten.“

Allerdings ist das Angebot begrenzt: Üblicherweise muss der Obdachsuchende die Unterkunft nach einem Monat wieder verlassen. „Wir gewähren aber auch Verlängerungen, wenn sich die Wohnungssuche verzögert.“ Manchmal sogar über Jahrzehnte: Einige Bewohner sind schon so lange in den Unterkünften, dass sie sich ein Leben woanders gar nicht mehr vorstellen können.

Damit konterkarieren sie den Sinn des Angebots: Die Unterkünfte sollen lediglich einer kurzfristigen Unterbringung zur Abwendung einer Obdachlosigkeit dienen. Deshalb ist die Ausstattung auf niedrigstem Niveau gehalten – zum einen aus Kostengründen, zum anderen, um einen Anreiz zuschaffen, sich um eine andere Unterkunft zu bemühen. Durch den stetigen Wechsel der Bewohner und bedingt durch ihr Verhalten bedarf es jedoch ständiger Instandsetzungs- und Reparaturarbeiten. Bei vielen Bewohnern spielt Alkohol eine große Rolle. Im Rausch werden dann auch schonmal Türen eingetreten oder zerschlagen – ein ständiger Posten. Nach jedem Auszug eines Bewohners wird das Zimmer wieder hergerichtet. Das kann aufwendig sein, denn manchmal haben dem Bewohner vier Wochen genügt, um ein Zimmer zu verwüsten.

Erst im Sommer ist ein Großteil der alten undichten Holzfenster gegen neue Fenster aus Kunststoff ausgetauscht worden. Jedes Zimmer hat einen neuen Ofen erhalten, und die Dachrinnen werden erneuert, aber es steht noch mehr an: Isolierarbeiten am Mauerwerk, Dacharbeiten und Erneuerung der Elektroversorgung.

Deshalb hat die Politik im vergangenen Jahr einer Erhöhung der jährlichen Ausgaben zugestimmt: Während in den Jahren zuvor stets 15 000 Euro für Instandsetzungsmaßnahmen der Obdachlosenunterkünfte eingeplant waren, sind es nun 41 500 Euro – fast das Dreifache. Und das Geld wird auch benötigt. „Als wir die Öfen gerade ausgetauscht hatten, waren einige davon auf einmal weg“, so Kaschke. Wohin sie verschwunden waren? „Das konnte uns keiner der Bewohner sagen. Eines Tages seien sie weggewesen. Das ist einfach Schwund.“

Alleingelassen werden die Bewohner nicht: Direkt vor Ort lebt Helga Rohde mit ihrer Familie. Sie kümmert sich mit viel Engagement um die Bewohner, kann auf eine natürliche Autorität pochen, die ihr Respekt verschafft. Auf Anfrage teilt sie zum Beispiel das Heizgeld der Bewohner ein. 501 Euro bekommen sie von der Arge. „Genug für eine Heizperiode“, sagt Helga Rohde.

Einige der Bewohner haben sich mit dem Leben am Rande der Gesellschaft abgefunden und wollen gar nicht mehr weg: „Ich fühle mich hier wohl“, sagt zum Beispiel der 57 Jahre alte Kalle, der seit zwölf Jahren in seinem Zimmer lebt, dessen Wände grau vom Rauch der Ofenheizung sind. Woanders hinzuziehen kommt für ihn nicht in Frage. Mit dem bisschen, das er hat, ist er zufrieden: ein Bett, ein Tisch, ein Regal und ein Ofen, eine Spüle und das Wichtigste: ein Fernseher und Helga Rohde.

Ähnlich geht es einer anderen 60 Jahre alten Bewohnerin, die ihre Unterkunft bis zur Decke mit Kartons und Krimskrams gestapelt hat. Hier wohnt sie schon seit zwei Jahren mit ihrem 32-jährigen Sohn und zwei Dackeln, schläft auf einem Sofa, das aus dem Haufen herausragt. Ihre Fenster konnten nicht ausgetauscht werden, weil sie von Dutzenden Kartons zugestellt sind. Wie es in den ungelüfteten und düsteren Räumen hinter den Bergen von Zeug aussieht, lässt sich nur erahnen. Die Bewohnerin ist nicht unzufrieden. Ihr Wunsch: eine eigene Dusche und neue Stromzähler.

 

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen