Nachgefragt : Zwei Wege vom Schwein zum Schnitzel

Das ganze Jahr an der frischen Luft: die Bio-Schweine vom Lindhof in Lindhöft.
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Das ganze Jahr an der frischen Luft: die Bio-Schweine vom Lindhof in Lindhöft.

EZ-Redaktion besucht Bio-Betrieb Lindhof und Mastbetrieb Heidberg-Farm / Verbraucherwunsch nach hoher Qualität zum kleinen Preis überwiegt

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05. Juni 2014, 10:44 Uhr

Der Konkurrenzdruck zwischen den Discountern lässt die Fleischpreise immer weiter in den Keller sinken. Ein Schweinebraten oder Kotelett kostet dort oftmals weniger als die Hälfte dessen, was für das gleiche Stück mit Bio-Gütesiegel zu zahlen wäre. Doch warum ist das so? Auf der Suche nach einer Antwort haben wir zwei Betriebe besucht – den Bio-Betrieb Lindhof in Lindhöft und den Hof Nis Wittern in Stohl, der konventionelle Schweinehaltung betreibt.

Sie werden immer mal wieder für ein Zeltlager gehalten – die Hütten, in denen die 50 Sauen des Lindhofs mit ihrem Nachwuchs auf der Grünfläche hoch über der Ostsee leben. 1400 Quadratmeter stehen pro Muttertier zur Verfügung – ein Vielfaches der vorgeschriebenen Fläche von 2,5 Quadratmetern Außenfläche und 7,5 Quadratmetern Stall. Traumhafte Bedingungen, wenn man bedenkt, dass Schweine in konventioneller Haltung keinen Anspruch auf Freilauf haben. Die Hütten sind mit Stroh ausgelegt, ebenso die „Kinderstube“, der erste Bereich, in den die Schweinchen nach der Trennung von ihrer Mutter kommen. Das Misten binde Zeit und Arbeitskräfte, macht Betriebsleiterin Sabine Mues deutlich. Weil eine Arbeitskraft somit weniger Tiere betreuen könne als in einem konventionellen Betrieb, seien die Lohnkosten höher. Auch für das Futter gibt der Ökohof mehr aus, denn es darf nur aus biologisch erzeugten Komponenten bestehen. Ein Kilogramm Schrot kostet 58 Cent netto – ein Betrieb mit konventioneller Haltung gibt dafür weniger als die Hälfte aus.

Die 50 Sauen auf dem Lindhof haben im Jahr 1000 Ferkel. Pro Tier wird mit 2,1 Würfen im Jahr gerechnet, in der konventionellen Schweinehaltung sind es 2,6. Besamt wird in beiden Haltungen künstlich, die Rausche wird in der Biohaltung jedoch nicht künstlich beeinflusst, erklärt Mues. 2007 hat der Lindhof mit der Mast der selbst produzierten Ferkel begonnen und arbeitet heute in einem so genannten geschlossenen System – vom Ferkel bis zur Zuchtsau sind die Tiere auf dem Hof gezogen.

Der Weg zum Schlachter ist möglichst kurz: die Schweine vom Lindhof werden in Holtsee verarbeitet. Zu kaufen ist das Fleisch im Hofladen, aber auch im Großhandel. „Wer bei uns kauft, hat sich bewusst entschieden, nicht jeden Tag, sondern nur ein bis zwei Mal in der Woche Fleisch zu essen“, weiß Sabine Mues von den Kunden, die überwiegend aus Eckernförde, dem Dänischen Wohld und Kiel kommen, vereinzelt auch aus dem Raum Neumünster und Hamburg. Die Leute wüssten wertzuschätzen, wie das Fleisch produziert wurde. Dass der mit der Entstehung der Großschlachtereien Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gestiegene Fleischkonsum wieder sinkt und die Menschen zu einem reduzierten Genuss kommen werden, glaubt Sabine Mues nicht. Dafür sei die Nachfrage nach Convenience-Produkten einfach zu groß. Doch sie hofft, mit dem Projekt „Landwirtschaft mit allen Sinnen erleben“ für Schulklassen der fünften bis siebten Jahrgangsstufe einen Beitrag leisten zu können, dass junge Menschen ein gesundes Verhältnis zum Konsum und zur Tierhaltung entwickeln. „Wir möchten vermitteln, dass die Milch nicht aus dem Tetrapack, sondern aus der Kuh kommt, die zunächst ein Kalb kriegen muss, damit sie Milch gibt“, nennt die Betriebsleiterin ein Beispiel. Doch nicht nur in der Tierhaltung, auch im Ackerbau, den der Lindhof auf 155 Hektar betreibt, werden den Teilnehmern die Kreisläufe erklärt.

Dass die Konsumenten sich Gedanken darum machen, wo das Fleisch herkommt, das sie essen, ist auch im Sinne Nis Wittern aus Stohl. Auf seiner Heidberg-Farm, ein Familienbetrieb, den er in dritter Generation führt, hält er 420 Sauen und etwa 3000 Ferkel unter konventionellen Bedingungen. Ressentiments gegenüber der Massentierhaltung müsse auch er aushalten, erzählt er. Wenn behauptet würde, dass es den Tieren nicht gut ginge, sie kaum Platz hätten und übermäßig mit Medikamenten behandelt würden – das ärgert ihn schon. Vieles davon empfindet er als nicht gerechtfertigt. „Schwarze Schafe gibt es überall“, sagt er. „Schade ist nur, wenn dadurch eine ganze Branche in Verruf gerät.“ Er selber hat nichts zu verbergen, lässt auch gern Besucher in seinen Stall, so dass sie sich ein eigenes Bild machen können. Die Tiere hält er in Gruppen. Die Sauen haben 2,5 Quadratmeter Platz pro Tier, bei den Ferkeln teilen sich fünf Ferkel 2 Quadratmeter. Gefüttert werden die Tiere mit einer auf ihr Alter abgestimmten Getreidemischung aus Weizen, Gerste, Körnermais, Soja und Mineralstoffen. Mit 28 Kilo verkauft er sie an Mäster im Raum Kloppenburg/Vechta.

Die Schweine scheinen sich über Besuch zu freuen. Sobald die Tür zum Stall aufgeht, rennen sie alle mit Getöse in eine Ecke, drehen sich um, kommen langsam und neugierig zurück. „Schweine sind außerordentlich kluge Tiere“, erzählt Nis Wittern. „Und sie sind sehr anpassungsfähig. Sie kennen es nicht anders.“ In einem anderen Stall sind die Muttersäue getrennt durch einen Ferkelschutzkorb mit den ganz kleinen Ferkeln untergebracht. Sie bleiben drei Wochen bei der Sau. Die frisch besamten Sauen bleiben 28 Tage im Einzelstand, damit sie keinen Stress durch Rangkämpfe haben und sich die befruchteten Eier in Ruhe einnisten können. Sobald sie tragen, kommen sie in Gruppen in den Strohstall. Auch wenn das in der konventionellen Haltung nicht üblich ist, arbeitet Nis Wittern gern mit Stroh. Säugende Sauen müssten viel fressen, um Milch zu produzieren, erklärt er, deshalb haben sie die Möglichkeit, während der Trächtigkeit Stroh zu fressen. Der Nachteil dabei sei, dass die Säue mit der Nase im Stroh viel Staub und Gase wie Ammoniak einatmen. Spalten seien leichter zu reinigen, was hilft, Krankheiten vorzubeugen. „Die Tiere dauerhaft mit Medikamenten zu behandeln, das macht überhaupt keinen Sinn“, betont Wittern. Auch da habe sich viel geändert. Jeder Medikamenteneinsatz müsse der Arzneimitteldatenbank gemeldet werden.

Seine Sauen gehören mit je knapp 31 Ferkeln im Jahr zum oberen Schnitt. „Jedes Tier, das stirbt, ist für mich ein Verlust“, macht Nis Wittern deutlich. Es liege also auch in seinem Interesse, dass es den Tieren gut geht. Eine Beziehung zu den Tieren baut er schon auf. „Das geht gar nicht ohne“, sagt er. „Aber ich bin distanziert, wenn es um den Verkauf und ums Schlachten geht.“ Auf die Bioschiene umzusteigen, hat er schon überlegt. Aber der sehr kostenintensive Umbau schreckte ihn ab. Außerdem mag er die rosigen, pummeligen Schweine. „Wir können die Welt nicht mit Bio-Produkten ernähren, so schön das auch wäre“, ist er überzeugt. „Der Verbraucher möchte ein qualitativ hochwertiges, aber günstiges Produkt.“

Einsatz von Arzneimitteln

konventionell: es dürfen Arzneimittel und Stoffe verabreicht werden, die nach dem Arzneimittelgesetz zugelassen sind, das regelt auch den vorbeugenden Antibiotikaeinsatz

ökologisch: ein präventiver Einsatz chemisch-synthetischer Arzneimittel (zum Beispiel Antibiotika) ist verboten, Fütterungsantibiotika sowie Leistungs- und Wachstumsförderer dürfen nicht eingesetzt werden

Mindestsäugezeit

konventionell: 21 bis 28 Tage

ökologisch: 40 Tage

Mastdauer

konventionell: circa 110 Tage

ökologisch:130 bis 180 Tage

Futter

konventionell: Raufutter wie Gras und Heu ist nicht vorgeschrieben

ökologisch: Raufutter ist Pflicht für Mast- und Zuchtschweine

Stallboden

konventionell: Vollspalten erlaubt

ökologisch: Vollspaltenböden sind verboten, Stroh als Einstreu vorgeschrieben

Auslauf

konventionell: Stallhaltung üblich

ökologisch: Auslauf ins Freie ist Pflicht

 
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