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die wiedervereinigung : Zum 3. Oktober: Freude statt Furcht, Freiheit statt Mauer, Minen und Todesstreifen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Tag der deutschen Einheit weckt Erinnerungen: Rudolf Klinge ist am Tag der deutschen Wiedervereinigung mit seiner Familie nach Halle gefahren. Die Menschen begrüßten den Übergang zu Westdeutschland, und Hans-Dietrich Genscher trank Bier auf ex.

Der Tag der Wiedervereinigungsfeier wurde vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl auf den 3. Oktober 1990 festgesetzt, obwohl die Befreiung von der Herrschaft der sogenannten DDR-Diktatur bereits am 9. November 1989 erfolgt war. Fast ein Vierteljahrhundert ist seither vergangen und die Wiedervereinigung selbstverständlicher Alltag geworden. Deshalb möchte ich mit diesem Erlebnisbericht noch einmal an den großen Feiertag erinnern.

Meine Mutter, Geschwister und ich waren uns einig, den 3. Oktober 1990 in unserer angestammten Heimat, in Sachsen-Anhalt, zu feiern und fanden begeisterte Zustimmung bei unseren Verwandten in Halle /Saale. Die Freude über die fast reibungslos und unblutig verlaufene Revolution war bei allen Verwandten ungeteilt groß. Vier Jahrzehnte hatte die Unfreiheit und Bevormundung durch das kommunistisch gelenkte SED-Regime gewährt. Reisen in nichtkommunistische Länder wurden den DDR-Bewohnern unmöglich gemacht. Mauer, Minen, Schießbefehl, Stacheldraht, Todesstreifen und dauernde Überwachung und Bespitzelung durch Volkspolizei (Vopo), Militär (NVA) und der Staatssicherheit (Stasi) schlossen eine Flucht fast aus. So mancher hat seinen Fluchtversuch mit dem Leben bezahlt.

Diese Zeit war nun endlich vorüber. Deutschland hatte sich vorbereitet, diesen Tag gebührend zu feiern. Auf der Autobahn nach Halle/Saale winkten sich die Leute fröhlich aus den Autos zu. Auf Transparenten las man die Worte: „Gott grüße Deutschland!“ Unsere Stimmung wurde aber erst euphorisch, als wir ohne jede Kontrolle die verwaisten Grenzübergänge Gudow/ Zarrentin (DDR) passierten. Wie viel Angst vor den schikanösen Kontrollen der DDR-Zollbeamten hatten wir bei früheren Einreisen ausstehen müssen. Diese mörderische Grenze war über Nacht verschwunden. Da standen keine bewaffneten Beamten mehr, die ihre kampfgedrillten Hunde an Laufleinen ketteten, um Flüchtende aufzuspüren. Kein Zollbeamter nahm mehr die Autos auseinander, kein Zwangsumtausch wurde mehr überprüft. Die Furcht war der Freude gewichen. Von nun an gab es freie Fahrt durch ein vereinigtes Land, und unsere Heimat war wieder frei!

Meine 88-jährige Mutter hat das Wiedersehen mit ihrer Schwester in Halle genossen. Sie hatten hier ihre Jugend verlebt. Ich kutschierte die beiden Schwestern durch Straßen und Plätze ihrer gemeinsamen Jugend. Diese Rundreise wurde auch für mich zu einem großen Erlebnis. Die beiden Frauen lebten richtig auf, beflügelt vom Wiedererkennen und Erzählen. An verfallenen Wohnbauten standen Baugerüste. Ein Zeichen, dass der Aufbau bereits begonnen hatte.

Die Feierlichkeiten begannen am Nachmittag auf dem Marktplatz. Die Marktkulisse bestehend aus Dom, Rathaus und Händeldenkmal gab dem Ganzen einen angemessenen Rahmen. Auf einer großen Bühne spielte eine Kapelle volkstümliche Weisen. Doch es war eine eigenartige Stimmung. Die vielen Bürger auf dem Platz standen reglos herum. Kein Lachen, keine Freude im Ausdruck, eher ungläubiges Erstarren. Mit einem Mal kam Bewegung ins Volk. Alles drängte zur Bühne. Der Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte die Bühne betreten. Als Sohn der Stadt wurde er mit großem Beifall empfangen. Er trank einen halben Liter Bier in einem Zug auf das Wohl seiner Stadt und versprach, dass sie Kulturhauptstadt werden sollte. Das Eis war gebrochen und großer Beifall war ihm gewiss.

Die weiteren Höhepunkte waren dem Abend vorbehalten. Das Publikum auf dem Markt war wie ausgewechselt. Das festlich gekleidete Hallesche Staatsorchester gab ihrem großen Sohn Händel die musikalische Ehre. Sie spielten unermüdlich. Hunderte schwarz-rot-goldene Fahnen wehten über der Menge. Hier und da standen Leute in Gruppen zusammen und übten die dritte Strophe des Deutschlandliedes ein. Der Text wurde verteilt und weitergereicht. Alles wartete mit Spannung auf den Glockenschlag der Domuhr um Mitternacht. Das Orchester stand auf und spielte feierlich die deutsche Hymne, die Riesenmenge auf dem Platz stimmte mit ein.

Neben mir sang ein junger Mann. Er reichte mir plötzlich die rechte Hand und ergriff mit der anderen meine Fahne. Während er sang: „Blüh im Glanze dieses Glückes“ rollten ihm die Tränen übers Gesicht. Alle Blicke richteten sich nun zum Rathaus, wo das Feuerwerk mit den Buchstaben „Wir sind ein Volk“, begann. Aus den erleuchteten Rathausfenstern wurde die Stadtfahne entrollt, die rechts und links mit den deutschen Fahnen umrahmt war.

Da geschah etwas Unerwartetes: Ein junger Mann war an der Außenfassade des Rathauses hinaufgeklettert und näherte sich der großen Schwarz-rot-goldenen Fahne, die aus dem linken Fenster entrollt worden war. Es wurde mit einem Schlag ganz still auf dem Platz. Um die Fahne zu erreichen, musste er jedoch noch an einem Fenster vorbei. Bevor er die Fahne herunterreißen konnte, griffen beherzte Hände die Person und holten sie nach innen. Da brandete Beifall auf und die Feier konnte fortgesetzt werden.

Wir Geschwister gingen an diesem Tag dankbar nach Hause und dachten darüber nach, welch ein Schicksal uns dadurch erspart geblieben ist, dass es unserer Familie gelang, noch rechtzeitig in den Westen zu fliehen.

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erstellt am 05.Okt.2013 | 05:37 Uhr

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