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Volkstrauertag : „Zukunft braucht Erinnerung“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Gemeinde Gettorf organisiert Friedensmahl zum Volkstrauertag / Konfirmanden ergreifen zur Feierstunde in Altenholz das Wort

shz.de von
erstellt am 17.Nov.2014 | 06:00 Uhr

Im Gedenken an die Opfer der Kriege und um ihrem Bemühen um Frieden in dieser Welt Ausdruck zu verleihen, haben Kommunalgemeinde, Vereine, Verbände und Kirchengemeinde in Gettorf zum Volkstrauertag neue Wege beschritten. Die Idee, den Gedenktag mit einem Friedensmahl am Freitag und einem Gottesdienst vor der Kranzniederlegung am Ehrenhain zu begehen, kam gut an.

Bereits zum Friedensmahl am Freitag im Gemeindehaus im Pastorengang in Gettorf waren mehr als 80 Gäste gekommen. Darunter Bürgermeister Jürgen Baasch, Amtsvorsteher Kurt Arndt und Amtsdirektor Matthias Meins, Vorsitzende der Vereine und Verbände sowie zahlreiche Gäste aus Syrien, Südkorea, der Türkei, Frankreich, Kosovo, Armenien und Eritrea. Viele hatten für ihr Land typisches Brot, Salat, Suppe oder Dessert für das Büffet mitgebracht. „Wunderbar“, meinte Pastorin Christa Loose-Stolten. „Herzlich willkommen.“

Den Frieden zu feiern, sei wichtig, betonte sie. Nach 69 Jahren Frieden in Deutschland seien sich die Menschen dessen immer weniger bewusst. „Wir wollen weiter in Frieden, Freiheit und Freundschaft mit Menschen leben, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind.“ Gerade jenen Gästen gefiel der gemeinsame Abend sehr. So wie Hanna Oh aus Südkorea. Sie etwa kam vor 42 Jahren nach Deutschland, um Geld zu verdienen. Sie war Krankenschwester, studierte hier, wurde Apothekerin und arbeitet heute in der Apotheke in Gettorf. „Anfangs konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass ich hier in Gettorf eine Heimat finden werde“, sagte sie. „Das ist wie ein Wunder für mich.“ Maryvonne Gestin-Suhl aus Frankreich, die in der Gemeinde Neudorf-Bornstein lebt, dagegen erzählte von Schwierigkeiten. Sie kam vor 17 Jahren nach Deutschland, studierte Sprachen, auch Deutsch, und ist geblieben. „Es war schwer im Dorf Kontakt zu bekommen“, sagte sie. Aber nun gefällt ihr Schleswig-Holstein. Der 27-jährige Hasan Mdaghmsh aus Syrien, der in Gettorf untergekommen ist, findet sich noch nicht zurecht. Seine Situation ist zermürbend. Seit neun Monaten hofft er in Deutschland auf Anerkennung. Er würde gern richtig Deutsch lernen in einem Kursus in Kiel. Aber das ist teuer, auch die Fahrt mit dem Zug dorthin. „Ich habe neun Monate verloren, in denen ich hätte besseres Deutsch lernen können“, erzählte er frustriert. „Ich bin jung, ich möchte arbeiten und studieren. Aber ich kann nur essen, schlafen und warten.“ Er vermisst seine Familie, die zum Teil in Aachen, zum Teil nahe Damaskus lebt. Manchmal weiß er nicht mehr weiter. „Es ist schön, dass jemand da ist, der sich um mich kümmert“, sagte er. Damit meint er Bärbel Schliever aus Gettorf vom Flüchtlingsbeirat, die ihn als Patin jede Woche besucht, mit ihm Deutsch lernt und ihn zu Ämtern begleitet. „Der Kontakt ist so wichtig“, weiß sie. „Das Friedensmahl als ein schönes Zeichen der Verbundenheit und der Wertschätzung, der Gottesdienst am Sonntag mit über 200 Gästen – wir hatten das ganze Wochenende weitaus mehr Beteiligung als in den Jahren zuvor“, zog Loose-Stolten Bilanz. „Es war wirklich schön. Wir sind alle sehr erfüllt nach Hause gegangen.“

In Altenholz stellte Gerhard Hirschfeld, Vorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Gemeinde, die Frage, ob die Arbeit des Bundes angesichts von Kriegen und Krisen, sogar in fast unmittelbarer Nähe wie in Syrien oder der Ukraine, überhaupt noch sinnvoll und zeitgemäß sei. Die Antwort, die er selbst darauf gab, lautete: Ja. Soldatenfriedhöfe müssten nicht nur als Stätten der Erinnerung für die Angehörigen erhalten bleiben, sondern auch als Mahnung an spätere Generationen. „Wir müssen fortfahren in der Arbeit für den Frieden, in der Hoffnung, dass sie künftig mehr Erfolg haben wird, als in den letzten Jahren“, so Hirschfeld. Die angesichts der aktuellen Lage aufkommende Frage, ob die Völkergemeinschaft militärisch eingreifen solle, müsse sich jeder selbst beantworten, meinte Hirschfeld und betonte, dass Krieg ein gefährlicher Umweg auf dem Weg zum Frieden sein könne.

Wie seit zehn Jahren in Altenholz üblich, trugen auch wieder Hauptkonfirmanden ihren Teil sowohl zum Gottesdienst in der Kirche als auch zur anschließenden Gedenkfeier auf dem Friedhof bei. Unter dem Motto „Zukunft braucht Erinnerung“ hatten sie sich in den vergangenen zwei Wochen intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen auseinandergesetzt. Nicolaj Schultz (13) war der Frage nachgegangen, wie die Großeltern den Krieg in Erinnerung haben, während der ebenfalls 13-jährige Lars Dettenkofer sich mit der Frage beschäftigte, welche Verantwortung sich aufgrund des Volkstrauertages für die Gegenwart ergibt. Er kommt zu dem Schluss, dass Kriege noch nie tatsächliche oder vermeintliche Probleme gelöst haben, sondern immer wieder Ausgangspunkt neuer Konflikte darstellten und dass die Sicherung des Friedens Verantwortung eines jeden ist und Verpflichtung für die Gesellschaft. Lisa Drews und Lena Baumann (beide 14) fragten, was der christliche Glaube über Verantwortung für den Frieden sagt und schlussfolgerten, dass jeder Mensch seinen Beitrag leisten kann – allein durch das Zeigen von mehr Toleranz und Freundlichkeit anderen Menschen gegenüber. „Wenn jeder Mensch dies tun würde, würde es sicherlich weniger Kriege geben“. Die Reden der Jugendlichen waren Worte, die bewegten und nachdenklich stimmten.

Zum Abschluss der Gedenkstunde, die vom Musikzug der Feuerwehr Kaltenhof begleitet wurde, legten Bürgermeister Carlo Ehrich und Bürgervorsteher Wolfgang Weiß den Kranz der Gemeinde nieder, Gerhard Hirschfeld und Jürgen Lerche von der Feuerwehr in Knoop den des Volksbundes sowie Bodo Chemnitz und Habbo Dirks den des DRK.

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