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Eckernförder Zeitung

19. November 2017 | 22:52 Uhr

Wiedersehen : Zufall?

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ilse Rathjen-Couscherung trifft zufällig den Sohn eines Zwangsarbeiters aus den 40er-Jahren, über dessen Vater sie geschrieben hat.

Eckernförde | Die Stadtführerin Ilse Rathjen-Couscherung ist ein Kenner der Eckernförder Geschichte wie kaum ein anderer: Besonders die Kriegs- und Nachkriegszeit hat sie erforscht und in einem Buch veröffentlicht („Eckernförde unter britischer Besatzung“). Ihr Vorträge über die Heimatgemeinschaft sind immer voll ausgebucht. Beim Erntedankfest hat sie ein Erlebnis gehabt, das sie hier erzählt:

Ich hatte 2015 für das Jahrbuch der Heimatgemeinschaft einen ausführlichen Aufsatz über das Thema „Zur Situation von Zwangsarbeitern in Eckernförde 1940 bis 1945“ geschrieben. Daran musste ich zurückdenken, als ich vor kurzem das erschütternde Buch „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin las. Auch beim letzten Treffen des Morgenchors wurde ich an die Thematik erinnert, als Hannelore Schmidt mir einen Ausschnitt aus der „Eckernförder Zeitung“ mitbrachte, mit dem ich damals Zeitzeugen suchte.

Zum Erntedankgottesdienst in der Nicolaikirche hatte ich ihr ein Belegexemplar meines Aufsatzes mitgebracht, weil sie sich für die Thematik interessierte. Da sie aber am Sonntag nicht kommen konnte, blieb der Aufsatz in meiner Tasche.

Nach der Predigt kündigte Pastor Ullrich Schiller an, ein Holländer wolle während des Gottesdienstes einige Worte an die Gottesdienstbesucher richten. Als er nach vorne trat, erzählte er, sein Vater sei von 1942 bis 1946 in Eckernförde gewesen, habe bei der „Eckernförder Zeitung“ gearbeitet und habe während dieser Zeit auch einmal in der St.-Nicolai-Kirche Trompete gespielt.

Ich wusste sofort, dass der Niederländer niemand anders sein konnte als ein Sohn von Jacob Bijl, über dessen Geschichte in Eckernförde ich in meinem Aufsatz berichte, den ich seit 2015 nicht mehr angerührt hatte, den ich aber gerade an diesem Tag in meiner Tasche trug! Ich zitiere aus dem Aufsatz:

„Erstaunlicherweise konnte der Holländer Jacob Bijl aus Ede nahe der deutschen Grenze den Ort seines Einsatzes mitbestimmen: Als er nach Hamburg geschickt werden und dort im Hafen arbeiten sollte, bat er darum, ihn in seinem Beruf als Schriftsetzer arbeiten zu lassen. Man setzte ihm eine Frist von zwei Wochen, innerhalb derer er eine Stelle in Deutschland gefunden haben musste.

Als er meldete, er habe etwas in Eckernförde in Aussicht, fragte man ihn: „Was willst Du da denn in der Wildnis?“ Ab 1942 bewohnte Jacob Bijl ein Zimmer bei der Buchhandlung Heldt und arbeitete als Schriftsetzer bei der „Eckernförder Zeitung“, wo er es nach eigener Aussage sehr gut hatte. Sicher half auch, dass er fließend Deutsch sprach. Bijl hatte in Holland Trompete gespielt, war sogar gelegentlich bei Radio Hilversum zu hören gewesen. Als er in „Stadt Kiel“ Otto Westphalen und seine Band hörte, fragte er, ob er mitspielen dürfe. Gemeinsam mit Westphalens Kapelle hat er dann sogar in der St.-Nicolai-Kirche deutsche Soldaten mit Musik verabschiedet, bevor sie in den Krieg zogen. Das gemeinsame Musizieren schuf Freunde, und als Jacob Bijl nach dem Krieg wieder in Holland war, schickte er mehr als einmal „roten Käse“ und Kakao an Familie Westphalen. Die besuchten ihn zu seinem 60. Hochzeitstag in Holland, und als Otto Westphalen im Juli 1970 starb, kam Jacob Bijl mit Frau und Sohn zur Beerdigung. Auch an der Beerdigung von Frau Westphalen im September 1970 nahmen die Bijls teil.“

Bei einem seiner Besuche bei den Westphalens in Steinfeld traf Jacob Bijl eine Frau namens Rosemarie aus Süderbrarup wieder, die früher bei Heldt gearbeitet hatte, täglich von Süderbrarup nach Eckernförde zwischengefahren war und den Zwangsarbeiter hin und wieder mit Leberwurst und anderen Esswaren unterstützt hatte. Die beiden erkannten einander sofort. Jacob Bijl ist im vergangenen Jahr im Alter von 97 Jahren verstorben. Er nahm seinem Sohn das Versprechen ab, nach Eckernförde zu fahren und der Bevölkerung dafür zu danken, dass sie ihn während seiner Zeit in Eckernförde so gut aufgenommen haben.

Jacob Bijl junior nannte verschiedene Namen und bedankte sich besonders herzlich bei Familie Blenckner und Familie Westphalen. Ihnen habe sein Vater besonders viel zu verdanken gehabt, zu ihnen sei der Kontakt nie abgerissen und ihnen solle er besonders herzlich danken. Zum Schluss brachte Jacob Bijl junior eine CD zu Gehör, auf der die Trompete seine Vaters noch einmal in der Eckernförder St.-Nicolai-Kirche erklang.

Ich konnte Jacob Bijl den Zwangsarbeiteraufsatz mit der Geschichte seines Vaters überreichen, die ich nun zufällig an dem Tag in meiner Tasche hatte. Zwei Tage später bekam ich einen Anruf aus den Niederlanden: Jacob Bijl bedankte sich im Namen seiner Familie gerührt und erfreut.

Wir stehen seitdem in telefonischem und Mailkontakt, und er hat eine weitere Fahrt nach Eckernförde angekündigt, auf der er Fotos aus der Eckernförder Zeit seines Vaters mitbringen und viel von dem erzählen will, was Jacob Bijl senior seiner Familie von seiner Zeit in Eckernförde berichtet hat.



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