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ENTBINDUNG IN WUNSCHKLINIK NICHT MEHR MÖGLICH : Zu alt für die Imland Klinik

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Schock für 41-jährige Barkelsbyerin: Sie durfte ihr drittes Kind nicht in Eckernförde zur Welt bringen und musste nach Kiel. Der Grund: Ihr Alter stellte eine Risikogeburt dar.

shz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 05:29 Uhr

Eckernförde | Friedlich liegt Ben-Ole in den Armen seiner Mutter Tanja Fechner (41), nichtsahnend, dass die Umstände seiner Geburt für seine Mutter nahezu dramatisch waren. Am 10. April ist das Baby im Städtischen Krankenhaus in Kiel zur Welt gekommen und nicht in der nur rund drei Kilometer entfernten Wunschklinik in Eckernförde. Tanja Fechner war in der 37. Schwangerschaftswoche, als sie am 10. April ihre Frauenärztin Dr. Swalve-Bordeaux aufsuchte. Die Information, die sie von der Frauenärztin nach der Untersuchung erhielt, war für sie ein Schock. „Da erst habe ich erfahren, dass ich in Eckernförde nicht entbinden durfte“, sagt Fechner. Der Grund: Am 2. März ist die Barkelsbyerin 41 Jahre alt geworden und gehörte somit zu den Risikoschwangeren, die laut „Qualitätssicherungsrichtlinie Früh- und Reifgeborene“ seit dem 1. April nicht mehr in der Imland Klinik Eckernförde entbinden dürfen. Schwangere unter 18 und über 40 Jahre, Frauen, die Zwillinge erwarten oder die sich noch nicht in der 36. Schwangerschaftswoche befinden, sind der Kategorie Risikoschwangerschaften zuzuordnen. Kommen sie für eine Entbindung in die Geburtsstation Eckernförde, muss die Klinik die Frauen verlegen.

Die beiden ersten Kinder hat Tanja Fechner vor vielen Jahren in Eckernförde entbunden. Für die 41-Jährige war es sonnenklar, dass sie ihr drittes Kind dort ebenfalls zur Welt bringen wollte. Sie hatte ihre Hebamme, Susi Hindersmann, und ihre Frauenärztin ausgesucht, in dem Wissen, dass beide sie bei der Geburt unterstützen. Die Änderungen in der Imland Klinik und der Rückzug der Belegfrauenärzte machten ihrem Plan ein Ende.

Aufgrund einer drohenden Frühgeburt hatte die Barkelsbyerin ab der 27. Schwangerschaftswoche für 14 Tage zur Beobachtung im Städtischen Krankenhaus in Kiel gelegen – der Imland-Standort Rendsburg darf Schwangere erst ab der 29. Woche betreuen. Von daher lag es für sie nahe, alternativ ihr Kind in Kiel zu entbinden. Noch am Nachmittag des 10. April fuhren Bernd Truelsen (48) und seine Partnerin in die 33 Kilometer entfernte Kieler Klinik. Da der Wehenschreiber nichts Besonderes ergab, ging es um 18 Uhr wieder nach Hause, wo man aufgrund des starken Verkehrs erst um 19.20 Uhr ankam. „Und dann platzte um 21.30 Uhr die Fruchtblase“, erinnert sich Fechner. „Ich hatte Panik und war total durcheinander. Da bereits vorher festgestellt worden war, dass ich zu viel Fruchtwasser hatte, hatte man mir geraten, unbedingt den Notarztwagen zu rufen, sollte die Fruchtblase platzen. Aber ich wusste in dem Moment gar nicht, wen ich jetzt anrufen sollte – meine Hebamme, einen Rettungswagen?“ In ihrer Panik rief sie ihren Vater an. Ihr Partner Bernd fuhr sie schließlich in die Klink, wo sie um 22.20 Uhr ankam. Nur eine Stunde später war Ben-Ole geboren und brachte mit 3240 Gramm und 52 Zentimetern Länge eine gute Größe mit.

Für Tanja waren die Umstände der Geburt schrecklich. „Es war furchtbar, diese Angst zu haben. Als wir an der Imland Klinik vorbeifuhren, wo ich die Hebammen und die Ärzte kannte, überfiel mich Panik.“

Am 1. August 2017 sind es genau 20 Jahre, die Susi Hindersmann als Hebamme in der Imland Klinik Eckernförde arbeitet. Bis vor kurzem hatte die Gammelbyerin viel zu tun. Im vergangenen Jahr wurden 833 Kinder dort geboren. Jetzt sei die Station nahezu leer, sagt Hindersmann, eine von zwölf Beleghebammen in der Geburtsstation. „Dieses Mal hat es mit der Fahrt nach Kiel gerade noch geklappt“, kommentiert Hindersmann die Umstände von Ben-Oles Geburt. Aber bei einem hohen Verkehrsaufkommen oder bei Glatteis könne es anders aussehen. „Für Mutter und Kind eine wirklich unglückliche Situation“, so die Hebamme.

Aber nicht nur für die Schwangeren hat sich die Situation geändert. Auch für die Ärzte und die Hebammen haben sich seit dem 1. April die Rahmenbedingungen neu sortiert. Drei der vier bisherigen Belegärzte, Dr. Anna Holk, Dr. Ralf Kröger und Dr. Swana Swalve-Bordeaux, haben zum 1. April ihre Tätigkeit in der Imland Klinik niedergelegt. Die Geburtsabteilung wurde in eine Hauptabteilung mit festangestellten Ärzten umgewandelt.

Die jetzige Situation erinnert Susi Hindersmann an 2012, wo die Geburtshilfe in Eckernförde schon einmal bedroht war. „Dieses Mal habe ich große Angst, dass die Geburtshilfe wirklich an die Wand gefahren wird“, sagt die Hebamme. Weniger Geburten bedeuten für die Hebammen auch weniger Einkommen. „Wir fühlen uns in unserer Existenz bedroht.“ Susi Hindersmann kann die Vorwürfe gegen die Geburtsstation nicht nachvollziehen. „Wenn hier jemand auf die Frauen aufpasst, dann sind wir das“, bekräftigt die Hebamme.

Genau das empfand auch Vera Heydenreich aus Borgstedt. Die 42-Jährige hatte Glück: Sie brachte ihr fünftes Kind am 26. Dezember zur Welt, drei Monate vor der neuen Regelung. „Ich fühlte mich sehr gut in der kleinen persönlichen Klinik aufgehoben“, sagt Heydenreich. Ihre ersten beiden Kinder habe sie in Flensburg entbunden. „Man bekam das Kind mit demjenigen, der gerade Dienst hatte. Man kannte den Menschen nicht und konnte nicht locker lassen.“ In Eckernförde habe eine große Vertrautheit zwischen den Schwangeren, Hebammen und Ärzten geherrscht.

Viele Frauen bringen heute mit über 40 Jahren ein Kind zur Welt – Tendenz steigend. „Und die können nicht alle zur Kategorie Risikogeburt gehören“, bezweifelt Susi Hindersmann. „Ich kenne einige Frauen über 40 Jahre, die schwanger sind“, bestätigt Tanja Fechner, „und wir fühlen uns alle irgendwie diskriminiert.“

Seit dem 1. April wird die Geburtshilfe in Eckernförde als Interims-Hauptabteilung geführt, bis der Kreistag eine endgültige Entscheidung darüber getroffen hat, ob die Hauptabteilung bleibt oder die Geburtshilfe wieder zur Belegarztabteilung zurückkehrt. Zwei angestellte Fachärzte sind rund um die Uhr im Dienst. „Die Organisation liegt bei der Klinikleitung“, sagt Imland-Geschäftsführer Dr. Hans-Markus Johannsen. Er bestätigt den Geburtenrückgang: „Seit Jahresanfang sind die Zahlen um 24 Prozent rückläufig“, so der Geschäftsführer. Er habe den Eindruck, dass Eckernförde groß genug sei, um langfristig eine Geburtshilfe zu betreiben.

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