Zeitreise mit Grammophon und Platte

Eine so genannte Kniegeige (Phono Fiddle) aus dem Jahre 1900 ergänzt die Ausstellung im  Phonomusem in Seeholz seit kurzem. Nico Pokrant ist mit den Besucherzahlen der zweiten Saison sehr zufrieden.  Foto: Steinmetz (2)
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Eine so genannte Kniegeige (Phono Fiddle) aus dem Jahre 1900 ergänzt die Ausstellung im Phonomusem in Seeholz seit kurzem. Nico Pokrant ist mit den Besucherzahlen der zweiten Saison sehr zufrieden. Foto: Steinmetz (2)

Phonomuseum Alte Schule in Seeholz verdoppelt gegenüber Eröffnungsjahr 2011 Besucherzahlen auf fast 1000 Gäste

shz.de von
09. Oktober 2012, 06:48 Uhr

Holzdorf | Auf eine Zeitreise begeben sich Besucher, die das Phonomuseum Alte Schule in Seeholz besuchen. 85 Jahre Entwicklung von Walzenspielern über Plattenspieler, Radioanlagen, Tonbandgeräten bis hin zum ersten Fernseher sind dort zu sehen und dank der Geschichten von Nico Pokrant (34) lernen Besucher auch die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland und die verschiedenen Musikstile kennen.

"Viele Besucher sind nach den Führungen ganz begeistert von Nico", sagt Mutter Erika Pokrant. Er erzähle so spannend und unterhaltsam, dass die Zeit für Führungen oft viel zu kurz sei. Gemeinsam mit ihrem Mann Rolf und Sohn Nico hatte die Familie im Mai 2011 in der ehemaligen Schule Seeholz ihr Phonomuseum eröffnet. Jetzt, nach der zweiten Saison, zieht die Familie eine positive Bilanz.

"Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, die Räume hier zu übernehmen und die Geräte auszustellen", sagt Rolf Pokrant, der mit seinem Sohn über 1000 phonotechnische Geräte besitzt. In ihrem Wohnhaus in Büdelsdorf hätten sie jetzt so viel Platz, dass es eine Freude sei.

In den ehemaligen Klassenräumen der Schule zeigen sie in chronologischer Abfolge rund 750 Geräte aus der Zeit von 1880 bis etwa 1965. Dabei tauscht Nico Pokrant, der auch in der alten Schule wohnt, ständig Geräte aus. Besonders in der Anfangszeit hätten sie wöchentlich Anrufe bekommen von Menschen, die Dachbodenfunde oder kleine Sammlungen in ihre Hände geben wollten, berichtet Rolf Pokrant. Es sei weniger geworden, aber immer wieder stünden Besucher vor der Tür und böten ganze Kleintransporter voller Geräte an, ergänzt Nico Pokrant. Nein sagen könnten sie nicht, dazu seien sie viel zu interessiert. Und tatsächlich, immer wieder tauchen Geräte oder Bauteile auf, die sie gut gebrauchen können. Alle Geräte können sie aber auf Grund des begrenzten Platzes nicht aufnehmen. Dann würde schon Mal aus drei defekten Geräten ein neues zusammengebaut, und verwertbare Bauteile demontiert, um sie aufzuheben, erklärt Nico Pokrant. Das sei auch sinnvoll, denn inzwischen würden sie von vielen anderen Bastlern und Geräteliebhabern um Hilfe oder Bauteile gebeten. "Dann helfen wir gerne aus" sagt Rolf Pokrant.

Zählten sie in der ersten Saison rund 500 Besucher, so peilen sie dieses Jahr von Mai bis Oktober 1000 Besucher ein. In die diesjährige Saison waren sie mit fast 15 angemeldeten Gruppen gestartet. Die Obergrenze liegt bei 50 Personen, denn Rolf und Nico Pokrant können nur zwei Gruppen gleichzeitig durch die Räume führen. Während die eine Gruppe sich mit Schellack- und Single-Hits aus den 30- bis 60-er Jahren, gespielt natürlich auf dazu passenden Plattenspielern oder Juke-Boxen die Zeit vertreibt, wird die erste Gruppe durch die Räume geführt.

Ohne Führung sei ein Besuch der Räume nicht möglich, erklärt Nico Pokrant. Zu wenig würden Besucher dann von der Faszination der Geräte erleben. Die Ausstellung lebt davon, dass Besucher anhand von Musik und Phonogerätenetwas über die Gesellschaft, die Menschen und die Bedeutung der Geräte für die jeweilige Zeit erfahren. Die Technik ist nach Ansicht Pokrants zweitrangig. Und so wundert es nicht, dass an den Geräten oft nur das Baujahr, der Hersteller und der Anschaffungspreis im Baujahr zu lesen sind. Gerade bei den Preisen seien viele Besucher erstaunt, sagt der 34-Jährige. So wurde jetzt neu in die Sammlung ein Plattenspieler samt automatischem Plattenwechsler von Electrola aus dem Jahr 1920 aufgenommen. Kostenpunkt 3500 Reichsmark. Geld, für das man heute ein kleines Einfamilienhaus kaufen könnte, ordnet Nico Pokrant den Wert ein.

Das Publikum sei sehr gemischt. Schulklassen, DRK-Gruppen, Busreisegruppen und Urlauber aus der Region machten Station. Aber auch Nachbarn kämen vorbei, die dann überrascht seien, wie umfangreich die Sammlung ist, so Erika Pokrant. Durch das Museum lernten Pokrants viele tolle Menschen kennen. Unter anderem hatten sie Besuch von diversen Ingenieuren, die in ihrer Jugend ausgestellte Geräte entwickelten oder produzierten oder sie später im Einzelhandel verkauften. Dann würde auch technisch gefachsimpelt.

Das Interesse der Besucher an den Stücken ist unterschiedlich. Wie eine Gruppe tickt, dass habe er schnell raus, berichtet Nico Pokrant. Dem entsprechend gestaltet er die Führungen, legt andere Schwerpunkte und nimmt so jeden Besucher mit auf die Zeitreise. Bei Kindern fange das Interesse für die klobigen großen braunen Holzkästen spätestens dann an, wenn aus den Kästen auf ihrem Lieblingssender N-Joy zum Beispiel Rihanna, Cro oder Kati Perry erklingen.

Aber es gebe auch diejenigen, die wegen der Alten Schule zu ihnen kommen und dann überrascht seien, so eine Ausstellung zu erleben. Sie brächten alte Fotos mit und führten sie dann durch ihre alte Klassenräume, erinnert sich Rolf Pokrant. Ihre Idee, in einer Ecke der Ausstellung die ehemalige Schule dazustellen, haben sie nicht vergessen. "Unser Zeitplan ist nur durcheinander", sagt Pokrant Senior. Es fehle ihnen aber auch noch an Material zu der alten Schule. So würden sie sich über historische Fotos und Zeichnungen oder andere Erinnerungsstücke freuen. Noch bis Ende Oktober ist das Museum geöffnet.>Phonomuseum Alte Schule: Geöffnet ist das Museum von Mai bis Oktober jeweils von Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Termine außerhalb der Zeiten sind nach Vereinbarung möglich. Infos unter Tel. 0 43 52/9 11 78 48 und 0 43 31/4 38 05 25 oder www.phonomuseumseeholz.de. Seeholz ist über die Bundesstraße 203 Richtung Damp, Ausfahrt Holzdorf/Thumby erreichbar. Der Eintritt ist frei.

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