Zarte Töne aus schweren Handglocken

Jede Glocke steht für einen Ton. Der Handglockenchor Gotha begeisterte die Zuhörer in der Waabser Kirche.  Foto: ritterbusch
Jede Glocke steht für einen Ton. Der Handglockenchor Gotha begeisterte die Zuhörer in der Waabser Kirche. Foto: ritterbusch

Konzert des Handglockenchores Gotha in der Marienkirche / Schwerste Glocke wiegt über fünfeinhalb Kilogramm / Nur 25 Chöre bundesweit

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17. Juli 2013, 03:59 Uhr

Waabs | Ein Konzert der besonderen Art erlebten zahleiche Zuhörer in der Marienkirche. Nicht Gesang oder herkömmliche Instrumente waren zu hören, sondern der Klang von Glocken. Das Konzert entpuppte sich als ein besonderes Klang- und Hörerlebnis. Und das in einer sehr beeindruckenden Weise, die Kunst des Glockenspielens.

61 Handglocken hatten die elf bis 29 Jahre alten Mitglieder des Handglockenchores Gotha bei ihrem Konzert in der sehr gut besuchten Waabser Kirche im Gepäck. Das bedeutete, dass der Chor über einem Tonumfang von fünf Oktavan verfügte. Jede Glocke hatte ihren eigenen Ton. Und jeden Ton gab es nur ein einziges Mal. Viel Verantwortung also, die jeder einzelne der 13 jungen Musiker zu tragen hatte.

"Man strengt sich an, damit man keinen Ton verpasst", erklärte Katharina von Rümker. Zusammen mit ihren Musikerkollegen tourte sie drei Tage lang durch Norddeutschland. Außer in Waabs traten sie auch in Sieseby und in Wismar auf. Für die 13-Jährige war es die erste Konzertreise. "Es macht sehr viel Spaß", sagte sie. "Die Reise könnte ruhig länger sein." Das Besondere am Handglockenspielen sei, dass man es nur in der Gruppe praktizieren könne, so Katharina und betonte: "Außerdem gibt es diese Art des Musizierens nicht überall."

25 Handglockenchöre existieren derzeit in Deutschland. Der Chor aus Gotha (Thüringen)ist einer von ihnen. Musiziert wird in vier Gruppen: Im Vorschulalter beginnen die Schüler mit ersten rhythmischen Übungen und dem Notenlesen. Geübt wird mit sogenannten Chimes. Mit diesen Klangstäben werden die Nachwuchsmusiker an die Musik herangeführt, bevor sie in der Nachwuchsgruppe verschiedene Techniken des Spielens mit Handglocken erlernen. Neben der Jugendgruppe, die in Waabs zu Gast war, gibt es noch eine Formation für Erwachsene.

"Beim Handglockenspielen muss man sich sehr konzentrieren", sagte Chorleiter Matthias Eichhorn. "Jeder Spieler muss aus den Noten seine Noten herausfinden." Jeder Musiker spielt in der Regel drei bis vier Glocken, im Extremfall können es aber auch schon mal zehn werden, wenn ein Musiker nicht zu den wöchentlichen Proben kommen kann. Denn: "Nur wenn alle da sind, funktioniert es." Daher könnten die Musiker auch nicht alleine üben, sie könnten nur gemeinsam ihre Stücke einstudieren.

Wie das dann klingt, zeigten die Musiker in der Waabser Kirche eindrucksvoll. Sie brachten "Ovation of Praise", Bearbeitungen wie "Greensleeves" und "Bist du bei mir" von Johann Sebastian Bach dem begeisterten Publikum zu Gehör. Auch Eichhorns Eigenkomposition "Introduktion" erklang im Waabser Gotteshaus.

Die in Bronze gegossenen Glocken sind sehr gut gestimmt, eine Voraussetzung für klangreine Töne. Das Geräusch des Schepperns, wie man es von normalen Glocken kennt, sei nicht zu hören, so Eichhorn. Der Klöppel ist zwischen Federn befestigt, so dass er pro Schlag nur einmal anschlägt und nicht bimmelt.

Die Geschichte des Handglockenspielens in Thüringen reicht bis in die 80er Jahre zurück. Die ersten 49 Handglocken habe die Landeskirche von der Partnergemeinde Epiphany Lutheran Church in Dayton, Ohio geschenkt bekommen, so Eichhorn.

Konzertantin Tabea Wecker war bei einem Auftritt in Amerika dabei. "Wir sind miteinander gewachsen", berichtete die 18-Jährige, dass der Zusammenhalt in der Gruppe durch diese Reise gestärkt worden sei. Tabea spielte in Waabs einige der schwersten Glocken. Die schwerste wiegt fünfeinhalb Kilogramm. "Das ist anstrengend." Aber die voluminöseren Glocken hätten mehr Schwung als die kleinen und bereiteten ihr sehr viel Spaß beim Spielen. Deswegen vergesse sie, dass sie eigentlich aufgrund der Verantwortung jedes Handglockenspielers aufgeregt sein müsste.

"Was die Jugendlichen da leisten, ist gewaltig", zeigte sich die Konzertbesucherin Dorothea Hornstein vom Spiel der jungen Musiker mehr als angetan. So spendete die Klein Waabserin wie alle anderen Zuhörer am Ende der beeindruckenden Darbietung begeistert Beifall und belohnte so die jungen Musiker.

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