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Eckernförder Zeitung

20. November 2017 | 16:44 Uhr

Kirche : Wittenberg, Luther und die Juden

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

In der Lutherstadt Wittenberg stößt man auch auf die dunklen Seiten des des großen Reformators / Ausstellung auch im Jüdischen Museum in Rendsburg.

shz.de von
erstellt am 07.Jul.2017 | 06:03 Uhr

Unsere Reise führte uns dieses Jahr entlang der Elbe auch zu der Stadt Wittenberg. Durch Luthers Veröffentlichung von 95 Thesen gegen den Missbrauch beim Ablasshandel am 31. Oktober 1517 wurde Wittenberg Ausgangs- und Mittelpunkt der Reformation.

Als Tourist besucht man in der zum 500. Reformationsjubiläum schön herausgeputzten Stadt die Schlosskirche mit der weltberühmten Tür, an der Luther seine Thesen angeschlagen haben soll und wo sich auch die Gräber von Luther und Melanchton befinden. Melanchton war ein bedeutender Theologe und enger Mitarbeiter Luthers. Sehenswert ist das Lutherhaus, in dem Luther viele Jahre bis zu seinem Tode zusammen mit seiner Frau Katharina von Bora lebte. Ehrfürchtig betritt man die sogenannte Lutherstube, die fast unverändert erhalten blieb und in der die berühmten Tischgespräche des Reformators stattfanden. Man wird daran erinnert, in welch genialer Weise Luther die Bibel in die deutsche Umgangssprache übersetzt hat. Man würdigt das Melanchton-Haus und die Häuser des berühmten Malers und Zeichners Lucas Kranach, der durch seine Freundschaft mit Luther und Melanchton zum Schöpfer einer protestantischen Kunst wurde.

Die Stadtkirche St. Marien, die Predigtkirche Luthers, war noch nicht geöffnet und so besichtigten wir sie zunächst von außen. Dabei entdeckten wir ein Sandsteinrelief „Judensau“, mit dem die Juden in widerlicher Weise verunglimpft werden. Wie man uns dann später erläutert hat, sind derartige Karikaturen seit dem 12. Jahrhundert innerhalb und außerhalb der Kirchen in Europa weit verbreitet.

Luther, erst relativ judenfreundlich, wurde am Ende seines Lebens ein ausgesprochener Judenhasser. Der Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer schreibt dazu: „Martin Luther verstieg sich zu grausigen Vernichtungsphantasien, die sich von heute aus wie Anweisungen in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager lesen lassen.“

Mit seinem Hass auf Juden war Luther nicht allein. Er hatte sich über Jahrhunderte gegen die Ketzer und Gottesmörder entwickelt. Unter kirchlichem Einfluss entstand die „Judenordnung“. Grundbesitz und Wohnen auf dem Lande war ihnen verboten. In den Städten wurden sie in Judenviertel verwiesen (Ghettos). „Ehrliches Gewerbe“ wurde ihnen verboten, nur Trödelhandel und Geldverleih gestattet. Durch die Jahrhunderte wurden die Juden in Europa immer wieder verfolgt, aus manchen Ländern ganz verwiesen, in vielen Städten bei Pogromen systematisch umgebracht.

Dem rassistischen Antisemitismus hat Luther ganz sicher Vorschub geleistet. Die lutherischen Bischöfe der deutschen Christen übernahmen die antisemitische Rassentheorie der Nationalsozialisten. Die Kirchen haben, bis auf Ausnahmen, zur Judenverfolgung geschwiegen oder selbst mitgemacht.

Und heute? Nach jüngsten Umfragen sind 8 bis 10 Prozent der Deutschen offene Antisemiten, 15 bis 20 Prozent sind latent antisemitisch. Die Synagogen im Lande brauchen oft polizeilichen Schutz. Ohne die Vertreibung der Juden aus Europa gäbe es wohl nicht den Staat Israel mit all seinen Problemen. Dabei gibt es weltweit schätzungsweise nur 17 Millionen Juden bei einer Weltbevölkerung von ca. 7,5 Milliarden Menschen.

Unter der „Judensau“ an der Stadtkirche St. Marien wurde ein Gedenkstein eingelassen, in dem zum Ausdruck kommt, dass das unermessliche Leid der Juden sich wiederfindet im Leiden und im Kreuz Christi. Die Stadtkirchengemeinde und die Stadtöffenlichkeit von Wittenberg haben eine Mitverantwortung übernommen für das, was ihren Bürgern jüdischen Glaubens in all den „christlichen Jahrhunderten“ geschehen ist.

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