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Eckernförder Zeitung

16. Dezember 2017 | 22:23 Uhr

Wir waren Evakuierte

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Was das Leiden in der Nachkriegszeit mit dem heutigen Flüchtlingsdrama zu tun hat

von
erstellt am 19.Nov.2015 | 00:33 Uhr

Im sehr jugendlichen Alter von vier Monaten wurde ich 1941 mit meiner Mutter aus der extrem bombardierungsgefährdeten Krupp-Stadt Essen ins Allgäu evakuiert (Lexikon: zeitweiliges Umsiedeln von Zivilisten). In ein 600-Seelendorf, das dann für fünf Jahre mein Zuhause mit ausschließlich bäuerlicher Prägung wurde und in dem ich zweisprachig aufwuchs.

Den Krieg erlebten wir dort gottlob nur nachrichtlich, und gehungert haben wir dank des landwirtschaftlichen Umfeldes auch nicht (Milch- und Getreidewirtschaft sowie Borsten- und Federvieh). Mutter machte sich selbstverständlich nützlich und half, wo und wie sie konnte, was dann auch für den noch nicht ganz Dreijährigen normal bzw. von ihm erwartet wurde. Das Motto: Wer nicht arbeitet, bekommt auch nichts zu essen (was mir passierte, als ich es vorgezogen hatte, ein kleines Holzschiffchen im Dorfbach schwimmen zu lassen, anstatt auftragsgemäß „Bätzle“ = Anmachreisig zu holen). Trotz dieser sporadischen Zwangsdiät: eine gute und glückliche Kinderzeit.

Aber 1946 kam dann der erste Kulturschock: Umzug zurück nach Essen und Einschulung. Als zertifizierter Hütejunge, zu dem ich es in meinem Dorf inzwischen gebracht hatte, also Umsiedlung in die total zerstörte Stadt Essen; spielen in Trümmern und ausgebrannten Häusern. Es war normal, aber höchst gefährlich. Gehaust haben wir – wohnen mag ich es nicht nennen – mit inzwischen fünf Personen (einschließlich Oma und Bruder als Säugling) in einer 2-Zimmerwohnung, die aber noch von den legitimen Mietern zu dritt bewohnt wurde. Eine sogenannte Einquartierung in extrem enge Verhältnisse. Jedoch: Mir fehlt bis heute die Erinnerung etwas entbehrt oder besonders gelitten zu haben.

Heizen: Das einfach durch ein Loch in der Fensterscheibe geführte heiße Rauchrohr des Kanonenofens wurde mit nassen Tüchern beruhigt. Kochen: Im Wohn, -Schlaf- Arbeits- und Esszimmer, ca. 20 Quadratmeter groß. 50 Mitschüler, die im schwer heizbaren Klassenraum den umgeschneiderten Militärmantel oder ein ähnliches Kleidungsstück nicht ablegten. Himmlich: die Quäkerspeise. Im Sommer: nicht nur barhäuptig, auch barfüßig (zur Schule). Der Gefahr begegnend, Mitleid oder Mitgefühl wecken zu wollen, erspare ich mir und den Lesern weitere Detailbeschreibungen.

Die nicht auf Leib und Leben, sondern auf Geist und Seele gerichteten „Angriffe“ erlebte ich dann 1948 in Hannover, nach einem Umzug in die Dienstwohnung meines Vaters. In Hannover geschah das, was man heute „Mobbing“ nennt (mein eigentliches Thema). Ich kam als Katholik in eine total evangelisch geprägte Diaspora und habe ertragen müssen, was es heißt, konfessionell zur Minderheit zu gehören.

Ich habe sehr gelitten, und ich möchte heute – den aktuellen Tagesgeschehnissen Rechnung tragend – mit allem Nachdruck feststellen, was für mich das eigentlich Unerträgliche dieses Nachkriegslebensabschnittes war: Das Infragestellen meiner religiösen Erziehung und der damit verbundenen konfessionellen Rituale.

Warum beschreibe ich diese weiß Gott nicht ungewöhnliche Erfahrung? In der aktuellen Migrationsproblematik richtet sich mein besonderes Mitgefühl an die Menschen. D. h. Flüchtlinge, die sich in zumeist lebensbedrohlicher Art und Weise der Ablehnung ihres total normalen Religionsverständnisses ausgesetzt sehen und, um zu überleben, einfach fliehen müssen. Gleiches gilt natürlich für die Masse der ethnisch Verfolgten.

Ich weiß sehr wohl, dass es neben den Gefährdungen aus z. B. Religionszugehörigkeit viele unerträgliche Schicksale im Rahmen der grausamen Kriegsgeschehnisse gegeben hat und täglich gibt.

Vor meinen oben beschriebenen Erlebnishintergrund lenke ich meine Gedanken voll bewusst auf die jedem bekannten Angriffe auf Geist und Seele, neben denen auf Leib und Leben. Oftmals geschieht beides. Neben totalem Unverständnis ist Entsetzen eine angemessene Reaktion.

Heute empfinde ich meine oben angedeutete Kriegs- und Nachkriegsbiographie im Verhältnis zu den Leidensgeschehnissen der auf uns zugeflüchteten Menschen als „Peanuts“.


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