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Interview : „Wir sind ganz einfach alle Menschen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ammar Khalfah ist 50 Jahre und Syrer. Im Interview der EZ–Mitarbeiterin spricht er über seine Religion, seine Heimat und seine Zukunft.

Gettorf | Im Januar kam Ammar Khalfah nach Gettorf. Gerade erhielt der 50-jährige Syrer seine Anerkennung als Flüchtling, darf nun arbeiten, sich eine Wohnung suchen und seine Familie, Ehefrau Souhair, die Töchter Bayan (20) und Nour (16) sowie Sohn Ahmad (14) nachkommen lassen. Er spricht ausgezeichnet Deutsch, hat sechs Jahre an der TU Dresden Bauingenieurswesen studiert, mit Diplom abgeschlossen und in seiner Heimat in Damaskus über 15 Jahre als selbstständiger Grafik-Designer gearbeitet.


Wie fühlen Sie sich in Gettorf?

Ich würde gern in Gettorf bleiben. Es ist ruhig, sicher, und ich habe schon viele Kontakte und Freunde hier. Das wäre auch für meine Familie schön. Ich bin jetzt seit zehn Monaten allein. Das ist schwer für mich und meine Familie zu ertragen. Wir haben jeden Tag Kontakt über WhatsApp und Skype. Wenn ich höre: Der ist verhaftet worden, der verschwunden, entführt oder durch eine Bombe getötet worden, dann mache ich mir große Sorgen. Man kann nicht richtig leben, wenn man nicht weiß, ob die Töchter oder der Sohn von der Schule wieder heil nach Hause kommen.

Was empfinden Sie angesichts der Fremdenfeindlichkeit, etwa durch die Pegida?

Pegida – das sind leicht zu beeinflussende Leute. Wenn sie noch mehr Macht bekommen, würde das dem Land sehr schaden. Es gibt bei uns ein Sprichwort: Was mir weh tut, das wird auch anderen weh tun. So sollte man denken. Ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Manche in der arabischen Welt denken, dass die Deutschen sehr materiell denken, und dass sie keine Gefühle haben. Aber wenn man hier ist, merkt man, dass sie ein großes Herz haben.

Welche Rolle spielt für Sie als Muslim die Religion?

Die Religion ist für mich und für meine Familie eine private Angelegenheit. Doch jetzt wird die Religion missbraucht, um Macht und Geld zu erhalten. Der Islam ist eine sehr tolerante Religion des Friedens und der Liebe. Das, was oft in den Medien zu sehen und zu hören ist, gehört nicht zum Islam.

Sie engagieren sich im Flüchtlingsbeirat Dänischer Wohld, übersetzen in und aus dem Arabischen, begleiten Neuankömmlinge zu Ämtern und Behörden. Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten?

Die größten Schwierigkeiten sind die Sprache und eine Arbeit zu finden. Hier fragen sie nach Ausbildungsabschlüssen. Viele haben in ihrer Heimat qualifiziert gearbeitet, Zeugnisse waren dort aber nicht erforderlich. Ich bin sicher, dass alle Syrer sich anstrengen, so schnell wie möglich zu arbeiten. Wir haben immer den guten Ruf unseres Landes im Kopf. Wir sind gekommen, um unsere Würde zu bewahren. In einem neuen Land ist es uns noch wichtiger, unsere Würde zu behalten. Arbeit und Würde sind eng mit einander verbunden. Sicher, es kommen auch junge Leute mit falschen Vorstellungen nach Deutschland, um hier leichter und schneller an Geld zu gelangen. Aber das Gute an Europa ist, dass der, der etwas leistet, auch etwas erreichen kann. In Syrien dagegen spielen Beziehungen eine große Rolle.

Mehr als vier Millionen Syrer sind aus ihrem Land geflohen, neun Millionen weitere sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Haben Sie eine Idee, wie der Bürgerkrieg in Syrien beendet werden könnte?

Das Problem sind sowohl der Staat als auch die oppositionellen Kräfte, die von verschiedenen Seiten finanziell unterstützt werden. Die Bevölkerung sollte mehr Beachtung und Rechte von der Regierung bekommen. Am Anfang hat Baschar al-Assad noch versucht, etwas zu verändern, aber Vetternwirtschaft und Korruption sind in Syrien zu groß. Unser Land ist ein schönes Land, reich an Bodenschätzen, Erdöl und Erdgas, mit wundervollen Landschaften und fruchtbarem Boden. Die Idee der Revolution 2010, des Arabischen Frühlings, war es, die Korruption abzuschaffen. Das wäre zu schön gewesen. Jetzt ist Syrien nicht mehr in der Lage, sich aus eigener Kraft wieder aufzubauen.

Das Schlimme, Terror, Unterdrückung und Korruption sind in Syrien zu Normalität geworden. Deswegen haben sich viele zur Flucht entschieden. Eine Lösung geht nur mit Unterstützung der Großmächte USA, Russland und Europa. Das wollten sie, haben es aber nicht erreicht.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Meine Priorität ist es, eine Arbeit und eine Wohnung zu finden und meine Familie bei mir zu haben. Mein großer Wunsch ist es, dass meine Kinder die Sprache lernen und hier studieren können. Sie sprechen alle sehr gut Englisch, eine gute Voraussetzung, um schneller Deutsch zu lernen. Es fällt mir nicht schwer, dieses Land zu verstehen. Ich habe keine Angst vor meiner Zukunft. Jeder Mensch braucht ein Zuhause, eine Arbeit und ausreichend Sicherheit. Unsere Sorgen sind doch gleich, denn wir sind ganz einfach alle Menschen.


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