Wintermärchen oder: ‚Es ist ja wie es ist“

Kahle Bäume und grünende Felder, so sieht der Winter heutzutage aus.
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Kahle Bäume und grünende Felder, so sieht der Winter heutzutage aus.

Der Winter heutzutage lässt sich an kahlen Bäumen und grünenden Feldern festmachen – kein Vergleich mit früher

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20. Januar 2015, 12:02 Uhr

„Es ist ja wie es ist“, und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Es ist Winter, der wird aber als solcher gar nicht mehr wahrgenommen. Warum auch. Winter, das ist klimatisch gesehen ursprünglich jene Jahreszeit in der in unseren Breiten die Außentemperaturen normalerweise stark abfallen und die Tageshelle knapp bemessen bleibt. So war es einige Tausend Jahre jedenfalls. Dazu schneite es auch noch; ganz früher viel, heute kaum noch. Und wenn, dann stünde es so in der Boulevardpresse, als sei mit dem hauchdünnen Schneepuder ein dem Polarlicht zumindest ebenbürtiges hier bislang ungekanntes Naturphänomen eingetreten.

Sollte sich der Winter auch nur in dieser moderaten Form präsentieren, sorgte er für großen Unmut und noch größeres Unverständnis über matschige Straßen und rutschige Fußwege. Das erstere führte zu einem erhöhten Geschäftsklimaindex bei Autoreparaturwerkstätten und das zweite beträfe eine gestiegene Nachfrage nach jenen Einrichtungen, die sich rührend um divergierende Skelettteile kümmern, um sie wieder in die korrekte Reihenfolge zu gipsen.


Würgegriff der Evolution


Das Erscheinungsbild unseres Winters lässt sich an kahlen Bäumen und grünenden Feldern festmachen. Sollte aber das Winterwetter tatsächlich einmal in seiner ursprünglichen Weise eintreten als böiger Frost-und Schneewinter, würde sich mancher der sonst so überlegen daherkommenden Cleverles dem Würgegriff der Evolution gegenüber sehen. Er würde mit gelähmtem Schweigen einfallslos seinem Ende entgegenzittern: keine Wärme, kein Wasser, keine Vorräte ohne Kühlung und die Kartoffelchips reichten auch nicht ewig. Mobiltelefone funktionierten nur solange wie die Batterie reichte - wozu auch. Der Pizza-Service käme nicht.

Einen Unterschied zu damals gäbe es doch, intakte Häuser anstelle von Ruinen. Die kriegsgeprägte ältere Generation kennt noch den überlebenswichtigen Sinn der Begriffe Improvisation und Organisation. Den Heutigen fehlen Talent wie Hilfsmittel, den eisigen Herausforderungen zu begegnen: Ofen, Wasserpumpen und einfachste Transportmittel sowie eine Vorratswirtschaft, die diesen Bedingungen genügte. Hier offenbart sich die Schwachstelle unseres hohen Lebensstandards, seine Energievernetzung: Fällt der Strom längere Zeit aus gelten andere Regeln: gemeinsam statt einsam. Der Schneewinter von 1978 / 79 gab eine Kostprobe davon.

Jener Winter weckte weit zurückliegende Erinnerungen an bitter kalte Kriegs- und Nachkriegswinter - ohne Goretex-Schuhe, daunengefütterte Kleidung und ohne Heizung. Wo einst Wege waren führten oft nur enge Furten durch meterhohe Schneewehen. Man ging ohnehin nur zu Fuß. Einige besaßen nur Holzpantinen unter denen sich der Schnee zu Klumpen ballte, die das Gehen zu einem Balanceakt machten.


Bullerofen in der Schule


In der Schule sorgte ein Bullerofen, sparsam befeuert, für mäßige Wärme - jedenfalls für die, die weit vorne saßen. In den hinteren Bankreihen behielt man gleich seine Winterjacke an. Für einige Schüler blieb das miefige Klassenzimmer der einzige warme Platz und keiner fehlte. Witterungsbedingter Unterrichtsausfall? Ein Fremdwort damals, ein törichtes Geschwätz heute. Derzeit neigen Lehrer dazu, bei knöcheltiefem Schnee den Notstand auszurufen. Aus vorauseilender Ängstlichkeit - sie führen Sicherheitsgründe an - lassen sie jedweden Unterricht ausfallen. Die Kids, bewegungsresistent und eingepackt wie Michelin-Männchen, könnten in der bescheidenen Schneedecke vor Erschöpfung umkommen, so die Sorge der Eltern. Zumutungen entstehen dann, wenn sie an überzogenen Ansprüchen gemessen werden.

Die warmen Meere werden - so die Prognose - auch diesjährig bei uns für mildes Winterwetter sorgen. Wer unbedingt Schnee wünscht und es eilig damit hat, kann in den nahen Harz ausweichen, wo mit Schneekanonen das Wintermärchen notfalls herbeigebombt wird. „Es ist ja wie es ist.“

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