Wilhelm Lehmann: Der Lehrer

'Pädagogik und Dichtung Wilhelm Lehmanns': Schulleiterin Jutta Johannsen, Prof. Dr. Uwe Pörksen (vorne) Journalist Ulrich Grober, Prof. Dr. Peter Nicolaisen, Knut Kammholz, Claus Müller (h. v. l.) Foto: smz
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"Pädagogik und Dichtung Wilhelm Lehmanns": Schulleiterin Jutta Johannsen, Prof. Dr. Uwe Pörksen (vorne) Journalist Ulrich Grober, Prof. Dr. Peter Nicolaisen, Knut Kammholz, Claus Müller (h. v. l.) Foto: smz

Der Eckernförder Dichter und sein pädagogisches Wirken standen im Blickpunkt der diesjährigen "Wilhelm-Lehmann-Tage"

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08. Mai 2012, 06:17 Uhr

Eckernförde | Standen bei den 8. Wilhelm-Lehmann-Tagen am Eröffnungstag noch die Mitgliederversammlung (s. links) und Lehmanns Roman "Provinzlärm" (EZ v. 7.5.) auf dem Programm, wurden am zweiten Tag Wilhelm Lehmanns Rolle als Pädagoge sowie die Pädagogik seiner Zeit beleuchtet. Einführend sprach Knut Kammholz, der Vorsitzende der Literaturgesellschaft, über Lehmanns Roman "Der Bilderstürmer" von 1915. Dieses Werk trage - wie auch die übrigen Prosawerke des Dichters - stark autobiografische Züge. Lehmann war von 1912 bis 1920 Lehrer an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, einem Internat in Thüringen mit reformpädagogischem Konzept. In damaliger Wirklichkeit wie auch umgesetzt in Romanform geht es um dem Anschein nach unüberwindlich unterschiedliche Pädagogikkonzepte, konträre Einstellungen zum Leben: Ein Lehrerpaar steht für "mythische Naturverbundenheit und Versöhnung mit der Natur", der Schulleiter hingegen für "zynisch-rationale Naturbeherrschung". Hinzu kommen persönliche Verhaltensweisen des Direktors, die Menschenverachtung und sexuelle Übergriffe mit einschließen. Im 1914 entstandenen Aufsatz Lehmanns "Zur Psychologie des Lehrers" wird die Einstellung des Eckernförder Dichters und Pädagogen besonders deutlich: Aufgabe des Lehrers sei es, "den Schülern … den Sinn der Erde darzustellen". Er sieht im Pädagogen einen Schamanen, der in die Geheimnisse des Lebens einführe. Ziel sei es, das Leben anzuschauen und zu betrachten, sich einzufügen und die Kräfte nachzuempfinden, die diese Welt im Innersten zusammenhalten. Die Pädagogik des Schulleiters von Wickersdorf stand konträr zu der Lehmanns, also verließ der die Schule.

Ulrich Grober aus Marl, Journalist und Buchautor, war auf den Spuren von Wilhelm Lehmann zur einstigen Reformschule von Wickersdorf gewandert, beschrieb seine Beobachtungen, Gedanken und berichtete von seinen Forschungsergebnissen. Eingeläutet mit dem "O-Ton" der Wickersdorfer Schulglocke, war Erstaunliches zu hören, so, woher die damaligen Internatsschüler kamen, es wurden Namen wie Kollwitz, Suhrkamp, Leitz, Kubin genannt. An dieser Schule der kulturellen Elite ging es um "Biophilie"(Erich Fromm), die Liebe zu allem Lebendigen, während der machtbesessene Schulleiter Gustav Wyneken doch eher zu "Necrophilie", zum Zerstören, neigte.

Claus Müller sprach von Wilhelm Lehmann als dem Pädagogen, der den (Stadt-) Kindern "Natur" anschaulich nahe brachte, damit sie nicht im blutleeren Unterricht - wie er einst in Chemiestunden - versagen müssten.

Jutta Johannsen schließlich, Schulleiterin des Eckernförder Gymnasiums, an dem Lehmann einst unterrichtete, schilderte die stark veränderte Berufssituation der heutigen Lehrer und gab für die unterschiedlichen Erziehungsformen griffige Beispiele: "Früher wollte der Lehrer den Schülern Flügel schaffen, um sie fliegen zu lehren. Heute bekommen die Schüler eine Anleitung zum Flügelbauen. Dann eignen sie sich selber das Wissen an, wie sie diese Flügel zum Fliegen nutzen." Uwe Pörksen: "So ist Schule heute eine Flügelbeschaffungswerkstatt?"

Marlies Egge, einst Kollegin von Lehmann in der Jungmannschule, berichtete Liebenswertes aus dem damaligen Schulalltag, und Prof. Dr. Johannes Voigt aus Stuttgart beschrieb gemeinsame Wanderungen mit dem Dichter durch London. Man war sich einig: "Lehmanns Kontakte ins Ausland" - das könne ein neuer Schwerpunkt sein.

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