Zeitreise : Wikingerlager neben Zebras und Affen

Ginge es nach Phillip (6), der mit Papa Florian Matz aus Flensburg nach Gettorf gekommen war, würde er den Schwertkämpfer-Helm und das dazu passende Schwert bei Heike Albertsen gleich mitnehmen.
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Ginge es nach Phillip (6), der mit Papa Florian Matz aus Flensburg nach Gettorf gekommen war, würde er den Schwertkämpfer-Helm und das dazu passende Schwert bei Heike Albertsen gleich mitnehmen.

Ungewohnte Gäste erwarteten die Besucher im Gettorfer Zoo, wo zum fünften Mal die Mittelalter- und Wikingertage statt fanden. Rund 70 Darsteller vermittelten Einblicke in die europäische Vergangenheit mit viel Atmosphäre.

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21. Juli 2014, 06:00 Uhr

So manch Besucher des Gettorfer Tierparks dürfte sich am Wochenende gewundert haben, als er auf der Spielwiese am „Verrückten Haus“ gar seltsam gewandete Menschen inmitten altertümlich wirkender Zelte und Verkaufsstände sah. Die Erklärung war einfach: Bereits zum fünften Mal fanden die Wikinger- und Mittelaltertage im Tierpark statt, deren Besuch bereits im „Wegezoll“, den man an der Tierparkkasse zahlte, inbegriffen war.

Auch für den sechsjährigen Phillip aus Flensburg, der mit seinem Vater Florian Matz nach Gettorf gekommen war, sollte es eigentlich ein Zoobesuch werden. „Von den Wikinger- und Mittelaltertagen wussten wir gar nichts, das kam überraschend“, sagte Florian Matz, während Phillip sich von Händlerin Heike Albertsen einen Helm für Schwertkämpfer überstülpen ließ und auch gleich die dazu passende Waffe aus Holz samt Scheide ergriff. Etwa 22 mittelalterliche Märkte besucht Albertsen pro Jahr in Schleswig-Holstein und teilweise darüber hinaus, auf denen sie Holzschwerter, Schilde, Helme, Armbrüste für die Jungen und Schmuck für die Mädchen verkauft. Die Veranstaltung in Gettorf lobte sie besonders wegen des familiären Flairs. „Man hat hier mehr Zeit für den einzelnen Kunden, die Kinder können alles ausprobieren und es geht nicht ausschließlich ums Verkaufen“, so die Händlerin. In die gleiche Kerbe schlug auch Andreas Schmidt aus Kiel, der den Bratwurststand betreibt. Bratwurststand im Mittelalter? „Ja, auch Bratwürste gab es im Mittelalter schon, sie wurden meist mit einem Bauchladen verkauft“, so Schmidt. Die extreme Mittagshitze am Sonnabend hatte es vermutlich viele Besucher an den Strand gezogen, so der Kieler. Es störte ihn, wie die meisten Befragten auch, weniger. „Es geht uns hier weniger um den Kommerz als vielmehr darum, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und sich auszutauschen und zusammen ein schönes Wochenende zu verbringen“, so Schmidt, der Abwechslung vom „tristen Büroalltag“ sucht. Und manchen geht es überhaupt nicht um Kommerz, die verkaufen gar nichts. So wie Rosi Hufnagel (56) aus Kiel und ihre Tochter Kim (27), die gerade dabei waren, nach einem alten Originalrezept Mangold mit Gerstengraupen zu kochen.

Kim Hufnagel machte über das Rollenspiel „Das schwarze Auge“ Bekanntschaft mit dem Mittelalter, ihre Mutter steckte sie dann damit an. Hobbymäßig besuchen sie an Wochenenden mittelalterliche Spektakel und leben das Leben des Mittelalters nach. Natürlich wird auch in den Lagern übernachtet. „Abends sitzen wir zusammen, knüpfen neue Kontakte, erzählen Geschichten und lernen nette Leute kennen“, schwärmte Kim Hufnagel. Auch im Nachbarlager, wo Gewänder der Wikinger getragen wurden, wurde gerade Essen nach mittelalterlichem Rezept zubereitet: Zu selbst gebackenem Brot gab es „Salbeikohl“ mit Speck, Weißkohl, Gewürzen und – natürlich - Salbei, den Manu Köster aus Hamburg zubereitete. Gemeinsam mit Ehemann Dieter, Benjamin Derksen aus Wiesmoor in Ostfriesland sowie Karla und Holger (Holgulus) Krämer aus Weener waren sie das erste Mal in Gettorf und lobten den „kleinen Markt mit familiärer Atmosphäre“. Und obwohl Karla und Holger Krämer das Mittelalter zu ihrem Beruf gemacht haben, störte es sie nicht, dass es bei sengender Hitze etwas leerer war. „Man hat Zeit, sich mit anderen auszutauschen und letztendlich ist Mittelalter nicht nur unser Beruf, es ist auch unsere Berufung“, so Karla Krämer. Auch wenn die Düfte in den Lagern manchmal das Wasser im Munde zusammenlaufen ließen, die Gerichte waren ausschließlich für die Lagerbewohner, da der Verkauf an Besucher mit behördlichen Auflagen verbunden gewesen wäre. Nach Rezepten wurde allerdings des Öfteren gefragt. Bei den Krämers wird wohl auch der eine oder andere mittelalterliche Haushaltgegenstand und mit Sicherheit einige Flaschen Rosenlikör, „Bärentanz“ mit Erd- und Himbeeren oder auch der „Alte Bischof“, dessen Hausrezept geheim bleibt, über den Ladentisch gegangen sein.

Auch wer mittelalterliche Kleidung, Lederwaren oder Haarschmuck suchte, kam auf seine Kosten. Und wer dran glaubt, konnte sich Karten legen oder aus der Hand lesen lassen. Der Feuerkünstler Asterix Doc Fire, der zusammen mit der S-Kultur Kiel und dem Tierpark das Spektakel initiiert, zeigte auch sein Können, zudem gab es eine Märchenerzählerin und weitere mittelalterliche Handwerker – insgesamt etwa 70 Teilnehmer, wie der Veranstalter sagte.

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