zur Navigation springen

Wilhelm-Lehmann-Tage : Wiederbegegnung mit einem Unbekannten

vom

Doris Runge zu Gast bei den Wilhelm-Lehmann-Tagen 2013.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2013 | 09:47 Uhr

eckernförde | Vor 50 Jahren habe sie seine Gedichte bereits geliebt, "eine Zeit lang war er mein Gott," so begründete Doris Runge am ersten Abend der Wilhelm-Lehmann-Tage ihre innere Verbundenheit zu dem Eckernförder Schriftsteller und Dichter. Er sei ein großer Magier und habe mit seinem "Zauberstab Sprache" Reales so mit einem Geheimnis überzogen, dass die unbekannten Namen von Fauna und Flora ihr damals "wie Hieroglyphen" erschienen, ihr den Zugang zu einem poetischen Reich öffneten. Sie faszinierte die "Dauer des Flüchtigen", habe ihn um seine Zeilen, seine Sprache beneidet. Doris Runge: "Ja, vom Gedichtemachen verstand er was, und die Natur selber spricht aus Lehmanns Gedichten." Die Dichtkunst, so habe er gesagt, sei ein Geschenk der Götter, eines, das man sich Wort für Wort erarbeiten müsse. Er sei ein Magier, "mythentrunken im Eckernförder Arkadien", mit Augen für’s Kleinste und Ohren für’s Leiseste.

Es schien wie ohne Übergang, dass Doris Runge eigene Gedichte las, Worte, die nahe bei Lehmann waren, zunächst naturnah auch sie. Der alte Mann, der seine letzten Tage im Garten bei "Petersil und Dill" verbringt. Zauberstarke Wortbilder entstiegen ihrem neuen Gedichtband "Zwischen Tür und Engel": Von Moospolstern auf Augdeckeln war zu hören, von gelben Staubnesseln am anderen Ufer, von Nebel über den Weideflächen - "Schlachtvieh trägt Schleier wie Bräute"… Im Watt " … ich sah ein gefräßiges Grau landeinwärts kriechen" und ihr Schuhabdruck im Schnee: "… Hohlform für den Schnee, der fällt".

Gedichte vom Tanzen, vom Fliegen, vom "Blutsturz" der Rosen und - Liebeslyrik: Sie kamen bitter und süß in ungewohnten Worten und geheimnisvollen Bildern, wehmütig ergreifend, manchmal zwinkernd; sie waren intensiv und berührten sehr. Alles um sich her vergessen, gebannt zuhören, das war eins. Auch hier eine Magierin der Sprache, die manche Zeilen zweifach las - erst dann entfaltete sich deren ganze Schönheit.

Doris Runge: "Alles hat seine Zeit. Meine mit Lehmann beginnt noch einmal."

Doris Runge, geboren 1943, lebt heute im holsteinischen Cismar. Sie erhielt 1985 den Friedrich-Hebbel-Preis, 1997 den Friedrich-Hölderlin-Preis, 1997 die Liliencron-Dozentur der Universität Kiel, 1999 die Poetikprofessur in Bamberg, wurde 2009 zur Professorin des Landes Schleswig-Holstein ernannt und 2012 in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur aufgenommen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen