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Interview mit Milchbauern aus Fleckeby : Wie geht’s weiter nach dem Milchquoten-Aus?

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Zum 1. April wurde die Milchquote abgeschafft / Die Landwirte Holger und Anke Thietje stehen Rede und Antwort zum Quoten-Aus

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2015 | 06:00 Uhr

Fleckeby | 30 Jahre lang hat die Milchquote den Milchpreis reguliert und „Butterbergen“ und „Milchseen“ einen Riegel vorgeschoben. Zum 1. April wurde sie abgeschafft. Anke und Holger Thietje führen seit 1994 in dritter Generation einen Hof mit 140 Milchkühen in Neu-Möhlhorst bei Fleckeby. Mit der Milchquote haben sie durchschnittlich 1,1 Millionen Liter Milch im Jahr produziert. Im Interview erzählen sie, was sich mit der Abschaffung der Quote voraussichtlich ändern wird.

Die Milchquote fand zum 1. April ihr Ende – Fluch oder Segen für deutsche Bauern?

Anke Thietje: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen ist es ein Segen, dass die Milchquote endlich ein Ende findet. Die Quote hat den Milchpreis nie auf einem hohen Level halten können und konnte Preisschwankungen nicht verhindern. Beispiele dafür sind Preishöhen 1999 und 2013 sowie Preiseinbrüche 2009 und Ende 2013. Gerade hier hat sich der Einfluss des Weltmarktes gezeigt, denn obgleich die deutsche Milchwirtschaft 85 Prozent des Umsatzes innerhalb Europas macht, kam es zu diesen Preisschwankungen. In allen Segmenten der Wirtschaft wird davon ausgegangen, dass ein freier Markt zu optimalen Bedingungen für Anbieter und Nachfrager führt – dies in der Milchwirtschaft nicht anders.

Holger Thietje: Das Ziel produzierenden Betrieben durch die Quote einen hohen Milchpreis und damit ein gutes Einkommen zu sichern, wurde verfehlt. Sie hat aussteigenden Betrieben mehr geholfen ihre wirtschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen, indem sie ihre Quote an andere Betriebe verkaufen oder verpachten konnten.

Ziel der Quote war es nicht nur, die Einkommen der Milcherzeuger zu sichern, sondern auch einer Überproduktion Herr zu werden und den Fortbestand der Milchviehbetriebe zu sichern – wurden diese Ziele erreicht?

Holger Thietje: Der Überproduktion wurde man Herr – diese war aber erst durch politisch garantierte Mindestpreise entstanden. Die Einkommen der Betriebe wurden durch die Milchquotenregelung nicht gesichert, sondern erst durch eine Erhöhung der Produktivität im Zuge der Mechanisierung und Technisierung, die sowohl zu einer Steigerung der Milchleistung pro Kuh, als auch zu mehr Kühen pro Arbeitskraft geführt haben. Früher war der Mensch der begrenzende Faktor, heute ist das nicht mehr so. Die Nebenkosten wie Diesel, Strom oder Pacht sind alle gestiegen und können nur durch Mehrarbeit aufgefangen werden.

Mit welchen Auswirkungen auf den Milchpreis ist jetzt zu rechnen?

Holger Thietje: Wenn es auch traurig ist, aber wir rechnen damit, dass der Milchpreis runtergehen wird. Viele Milchbauern stehen jetzt in den Startlöchern. Es war immer das Bestreben der Landwirte. mehr Milch zu produzieren als es die Quote zulässt. Jetzt dürfen sie es und werden es vermutlich auch machen. Ich vermute, dass der Preis dann erstmal einbrechen wird. Es gibt keinen begrenzenden Faktor mehr. Einzig das Land begrenzt die Produktion – es können nicht grenzenlos viele Kühe gehalten werden, wenn das Land nicht vorhanden ist.

Anke Thietje: Ob es zu einem übermäßigen Anstieg der Milchproduktion kommt wird, weiß man dennoch nicht. Denn es bedarf auch einer Reihe von Anforderungen wie Boden und entsprechende Melktechnik. An stärkere Preisschwankungen wird man sich aber wohl gewöhnen müssen.

Experten fürchten, dass durch das Quoten-Aus das Sterben der Höfe vorangetrieben wird. Sind diese Befürchtungen berechtigt?

Anke Thietje: Hierzu muss man wissen, dass auch zu Zeiten der Milchquotenregelung ein Strukturwandel stattgefunden hat. Von 365.000 Milchviehhaltern 1984 gibt es jetzt noch 75.000, das heißt 80 Prozent der Milchproduzenten haben die Produktion aufgegeben. Im Durchschnitt also fast drei Prozent pro Jahr. Grundsätzlich gilt: Wenn langfristig die Einnahmen die Kosten nicht mehr decken, kann nicht mehr produziert werden, ohne Eigenkapital zu vernichten – dann empfiehlt sich der Ausstieg. Geht man jetzt von einem langfristig, durch eine höhere verfügbare Milchmenge, gesunkenen Milchpreis aus, kann es zu einem vermehrten Ausstieg aus der Produktion kommen. Andere Umstände wie etwa Umweltauflagen, Nachfolgerprobleme oder die überbordende Bürokratie forcieren diese Entwicklung jedoch zusätzlich.

Werden Sie jetzt, wo Ihre Arbeit nicht mehr quotiert wird, Ihren Betrieb ausweiten?

Holger Thietje: Wahrscheinlich ja. Ob man will oder nicht, wenn man dabei bleiben will, muss man seinen Betrieb ausweiten. Ich halte eine Steigerung der Milchleistung daher für möglich. Wir haben die entsprechende Milchtechnik auf unserem Hof, um mehr Kühe zu melken. Würden wir jetzt sagen, dass wir eine Vergrößerung ausschließen, ist das der Anfang vom Ausstieg.

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