zur Navigation springen

Selbstverteidigung : Wie „frau“ sicher nach Hause kommt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Kampfsport „Krav Maga“ ist als Selbstverteidigung auch für Frauen und Mädchen geeignet.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2017 | 05:52 Uhr

Die Tage werden kürzer – gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit sind viele Frauen mit einem unguten Gefühl in der Dunkelheit unterwegs. Die Angst vor einem Überfall wächst, das Bewusstsein, sich nicht wehren zu können, lähmt.

Was also tun? Es gibt mehrere Anbieter von Selbstverteidigungskursen. Deshalb habe ich am diesjährigen Schnupperkurs „Selbstverteidigung für Frauen“ im California Fitness- und Freizeitzentrum teilgenommen, in dem sich auch das Krav-Maga-Trainingscenter befindet. Michael Bellmann von der Barmer Ersatzkasse hat zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit Andree Böker, Krav-Maga-Full-Instructor, zum kostenlosen Schnuppern eingeladen.

Mit mir betreten noch 24 weitere Frauen das Tennisfeld, auf dem wir uns im Halbkreis setzen. In der Mitte eine dicke Bodenmatte. Die Atmosphäre ist leicht angespannt, niemand weiß anscheinend so recht, was uns erwartet.

Zu Beginn gibt es eine kurze geschichtliche und theoretische Einführung in Krav Maga (hebräisch „Kontaktkampf“): Das Selbstverteidigungssystem wurde ursprünglich von Imrich Lichtenfeld entwickelt. Lichtenfeld war Sportler und wurde mit der Gründung des Staates Israel zum Chefausbilder für Leibeserziehung und Nahkampf der Israeli Defense Force ernannt. In Israel werden Männer und Frauen zum Militärdienst eingezogen, was Lichtenfeld dazu veranlasste, eine Technik aus verschiedenen Kampfsportarten zu entwickeln, die von beiden Geschlechtern und unabhängig von Alter, Größe und Gewicht erlernt werden kann. Für den militärischen Gebrauch lag der Schwerpunkt auf der schnellen Erlern- und Abrufbarkeit ohne regelmäßiges intensives Training. Lichtenfeld entwickelte jedoch auch Formen des Krav Maga, die dem Notwehrrecht angeglichen wurden und damit auch Zivilisten beigebracht werden konnten.

Mitte der 90er-Jahre gelangte Krav Maga nach Deutschland. Es basiert auf instinktiven und natürlichen Bewegungen und Reflexen, die auch unter starkem körperlichen Druck schnell abrufbar sind. Das Ziel von Krav Maga ist es, Schnelligkeit und Reflexe zu trainieren, damit nach ein paar Wochen Training Automatismen in Bewegungsabläufen entstehen. So ist es auch einer Frau möglich, sich gegen einen 100 Kilo schweren Angreifer zu wehren.

Was aber vor der aktiven Verteidigung stehen sollte, so vermittelt Andree Böker, ist die Gefahrensituation rechtzeitig zu erkennen und zu fliehen, um einem Kampf zu entgehen. Böker und Bellmann, der selbst Krav Maga trainiert, versuchen uns Teilnehmerinnen für etwaige Gefahrensituationen zu sensibilisieren. Ein klassisches Beispiel: Man steht im Dunkeln an einer Bushaltestelle und starrt auf das leuchtende Display seines Mobiltelefons. Die Pupillen sind aufgrund des Lichts verkleinert, was zur Folge hat, dass man nicht mehr wahrnimmt, was um einen herum passiert. „In solchen Situationen ist es besser, das Telefon in der Tasche zu lassen oder zumindest das Licht des Displays zu dimmen“ , sagt Böker.

Zudem soll das Erlernen von Krav Maga das Selbstbewusstsein stärken, sodass keine automatische Opferhaltung eingenommen wird. Dazu gehört auch, dass man sofort lautstark auf sich aufmerksam macht und den Angreifer siezt, damit andere Passanten merken, dass es sich nicht um einen Streit zwischen Bekannten handelt.

„Hat man jedoch keine Möglichkeit zu entkommen, ist es wichtig, bei der Selbstverteidigung niemals aufzugeben“, so Böker. „Das heißt: niemals stillstehen, niemals aufhören sich zu wehren. Dabei spielt es keine Rolle, wie man sich wehrt. Alles ist erlaubt, auch der Einsatz von langen Fingernägeln oder Highheels.“

Schließlich zeigen Bellmann und Böker einige Übungen, bei denen ich große Augen bekomme. In einer enormen Geschwindigkeit agieren sie vor uns auf der Matte. Danach dürfen wir uns ausprobieren. Viele von uns genieren sich und wissen nicht, wie sie beginnen sollen. Es scheint, als ob wir uns alle gehemmt fühlen, Körperkontakt herzustellen. Das empfinden auch Maren Vorbeck (55) und Nicole Scharna (41). Die beiden Frauen haben sich entschieden, den Schnupperkurs zu besuchen, um für den Notfall Eindrücke zu sammeln. „Wir werden ja inzwischen alle durch die Medien mit Gewalt konfrontiert, da ist es nicht falsch, einmal gesehen zu haben, was man im Notfall machen kann“, findet Maren Vordeck. Dem stimmt auch Nicole Scharna zu. Vor allem ein Erlebnis hat sie dazu bewogen, sich mit dem Thema Selbstverteidigung zu beschäftigen: „Ich habe miterlebt, wie meine Freundin, die direkt neben mir stand, von einem Mann angegriffen und zusammengeschlagen wurde. Ich war damals wie erstarrt und konnte ihr nicht helfen.“

Neben weiteren möglichen Angriffspositionen demonstrieren uns die beiden Männer, wie man sich bei einem Messerangriff verhält. Das Schlüsselwort heißt „Blockieren“. Böker wird wiederholt von Bellmann mit der Messerattrappe angegriffen, während er versucht, mit gekreuzten Armen den Arm des Angreifers abzuwehren. Ziel ist es, den Arm mit dem Messer zu greifen, zu halten und den Angreifer zu Boden zu bringen. Dabei macht Böker immer wieder deutlich, dass man in so einer Situation nicht unverletzt bleiben wird. Oft passiert es, dass der erste Messerstich trifft, weil er wie aus dem Nichts kommt. Wichtig ist es, ruhig zu bleiben und weiterhin zu blockieren, egal wie viel Blut plötzlich zu sehen ist.

Ist man schon zu Boden geworfen worden, sollte die Prämisse sein, den Kopf zu schützen, einen sogenannten „Helm aufzubauen“. Das bedeutet, die Hände vor das Gesicht zu halten und den Kopf zur Brust hochzuziehen, wenn man auf dem Rücken liegt, damit er bei einem Schlag oder Tritt genügend Puffer hat.

Zum Ende des zweistündigen Kurses werden Bellmann und Böker noch einmal deutlich: „Völlig egal, wie ein Angriff verläuft oder endet, ruft immer die Polizei! Denn es kann auch passieren, dass der Täter die Polizei ruft, die Situation umdreht und zu seinen Gunsten nutzt.“

Wer Interesse hat, sich im Krav Maga zu probieren, kann dies gerne tun. Das Frauentraining findet montags von 19 bis 20.30 Uhr im California Fitness- und Freizeitzentrum statt, der nächste Schnupperkurs ist für das Frühjahr 2018 geplant.

>www.north-beast.com

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen