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Anschläge in Paris : Wie eine Familie aus SH den Terror in Paris erlebte

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Thorsten Groth aus Goosefeld lebt mit seiner Familie in Paris. Sie wollen sich nicht unterkriegen lassen.

Eckernförde / Goosefeld | Die bestialischen Anschläge islamistischer Terroristen machen die zivilisierte Welt fassungslos. Und die Schockwellen des Terrors reichen bis in den Norden. Auch in Schleswig-Holstein, in Eckernförde und Umgebung gibt es Menschen, die persönlich betroffen sind. Sigrid und Karl-Heinz Groth aus Goosefeld haben die grauenhaften Ereignisse von Freitagnacht geschockt und mit höchster Anspannung und Sorge verfolgt. Ihr Sohn Thorsten (46) lebt seit über 20 Jahren mit seiner Frau Anne Abdel-Jalil in Paris, das Paar hat vier Töchter, die Familie lebt im 20. Arrondissement. Die Zweitjüngste hat am Samstag ihren 12. Geburtstag „gefeiert“. Thorsten Groth ist begeisterter Sportler und trainiert eine Handballmannschaft, seine Frau Anne, die aus Paris stammt, arbeitet als Deutschlehrerin an einem Pariser Gymnasium.

Mehr über die aktuellen Ereignisse nach den Terroranschlägen von Paris erfahren Sie im Liveblog von shz.de.

Als die Bomben der Selbstmordattentäter vor dem Fußballstadion detonierten, war Thorsten Groth gerade beim Handballtraining, die Kinder waren zuhause, seine Frau Anne auch – sie hatte den geplanten Restaurantbesuch mit einer Freundin, nicht weit entfernt von den Terrorzielen, auf Sonnabend verschoben. Das Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland mit den beiden heftigen Detonationen und der Panik nach Spielschluss hat Anne Abdel-Jalil nicht gesehen. Sie war im Internet unterwegs und ist dabei schnell auf die ersten Berichte, Fotos und Reaktionen gestoßen.

„Ich war so geschockt“, erzählt die Französin. Sie hat dann Kontakt mit ihrem Mann und ihrer Freundin aufgenommen, ihre beiden ältesten Töchter geweckt und ihnen den Schulbesuch am nächsten Morgen verboten, noch bevor Staatspräsident Hollande dies im Fernsehen verkündet hat. Aus Vorsicht und aus Respekt gegenüber den Trauernden. Drei ihrer vier Töchter müssen auf ihrem Schulweg zu unterschiedlichen Schulen mit der Metro durch Paris fahren – in der jetzigen, immer noch unklaren Situation mit möglichen Folgeanschlägen viel zu gefährlich.

Immer noch steckt den Parisern das Attentat der islamistischen Terroristen auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in den Knochen. Die Pariser sind leidgeprüft, haben aber trotz allem ihre Lebensfreude nicht verloren. „Wir müssen den Angstpegel langsam wieder runterfahren, um den Terroristen nicht die Genugtuung zu gönnen, dass wir verängstigt zu Hause bleiben“, sagt die Deutschlehrerin. Ob die Schulen am Montag wieder geöffnet haben, wusste Anne Abdel-Jalil am Sonntagmittag noch nicht.

In Frankreich herrscht seit Sonnabend eine dreitägige Staatstrauer. Auch wenn die Familie von Thorsten Groth im Moment die großen Kaufhäuser und Zentren der Stadt meidet, wird das öffentliche Leben bald wieder pulsieren. Nur werden die Pariser noch mehr auf alles achten, was in irgendeiner Form verdächtig ist. „Wir haben ja unser Leben“, sagt Anne Abdel-Jalil, die von den kaltblütigen Morden geschockt und fassungslos ist, aber wie so viele andere Pariser auch nicht bereit ist, sich von den Terroristen die Lebensfreude nehmen zu lassen. „Ruhig bleiben und weiterleben“, heißt ihre Devise. Das gilt auch für die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich. „Die EM muss stattfinden, es wird aber der Horror sein“, denkt sie - hinsichtlich der großen Sicherheitsvorkehrungen. Aber unterkriegen lassen, das kommt für die tapfere Pariserin ebenso wenig infrage wie für fast alle ihrer Mitbürger.

Franck Blady.
Franck Blady. Foto: Privat
 

Die Orte, an denen in Paris Menschen starben, kennt auch Franck Blady gut. Der Osterbyer Maler ist dort aufgewachsen. „Ich bin erst am Sonnabend durch zahlreiche Mails auf die Anschläge aufmerksam geworden“, erzählt er. Es habe ihn sehr berührt, dass sich angesichts seiner Nationalität so viele Menschen bei ihm meldeten und Mitgefühl zeigten. „Die Anschläge haben bewirkt, dass man sich nirgendwo absolut sicher fühlen kann, es kann jeden treffen“, sagte Blady, der erst in den Herbstferien in Paris gewesen ist. „Diese Willkür verunsichert und rüttelt an unserem Grundvertrauen.“ Kritik äußert der Osterbyer aber an der Integrationspolitik, seines Heimatlandes. Die Ausländer, vor allem Nordafrikaner, würden in Ghettos gezwängt werden. Sie leben für sich, ohne Perspektive. Das zeige, dass Sprache allein für eine erfolgreiche Integration nicht ausreiche. „Die Menschen müssen auch Teil der Gesellschaft werden“, so Blady.

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erstellt am 16.Nov.2015 | 06:44 Uhr

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