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Wie eine alte Standuhr Familiengeschichte geschrieben hat

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 09.Jun.2015 | 12:20 Uhr

Sie war nie mein Eigentum und doch hat sich mich durchs Leben begleitet. Sie gehörte zur Familie getreu dem Spruch: „Sie ist mein und doch nicht mein, der nach mir kommt, nennt sie auch nicht sein.“ Ich meine unsere alte Standuhr.

Sie war einst in der Kaiserzeit gebaut worden. In ihrem dunklem Nussbaumgehäuse glänzte golden das elegante Zifferblatt. An zwei Ketten hingen schwere Bleigewichte. Eines bewegte mit seiner Schwerkraft den Perpendikel, das andere bediente das Schlagwerk. Alle Viertelstunde ertönte ein Teil des wohlklingenden „Westminstergong“, bis dann zur vollen Stunde der gesamte Glockenklang ertönte. Unermüdlich wanderte der Perpendikel den kurzen Weg hin und her, her und hin. Ich stand als Kind oft vor der Glastür und schaute ihm zu. Mir war es unverständlich, dass er nie an der Seitenwand anschlug, so nah er auch dran war. Alles an ihr war eben Präzisionsarbeit.

Zeit und Geschichte sind untrennbar mit der Uhr verbunden. Die Zeit, die von ihr angezeigt wird, ist im nächsten Moment schon Geschichte.

Mein Großvater war unter anderem Holzbildhauermeister und hatte das Uhrengehäuse mit einer geschnitzten Lorbeer-Ranke verziert. Sie passte gut zu den übrigen wuchtigen Wohnzimmermöbeln, die ebenfalls seine kunstvollen Schnitzereien trugen. Da fanden sich Masken und Fresken, die er am Dresdner Zwinger entdeckt und nachempfunden hatte. Perlenschnüre zierten die Front der Möbel. Eulen, als Symbol der Weisheit, wachten an den Türen von Schrank und Schreibtisch. Diese Möbel lebten durch seine Handarbeit, als hätte er ihnen Leben und Persönlichkeit eingehaucht. Seine Schnitzereien wurden mir sein künstlerisches Vermächtnis.

Die Standuhr überstand den Ersten Weltkrieg, den Niedergang des Kaiserreichs und die „Weimarer Republik“. Der Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl prägte den Satz: „Die Zeit ist wie eine brave Henne, die alles ausbrütet, was man ihr unterschiebt“.

Gute Zeiten und Notjahre gab es genug zwischen den großen Kriegen. Doch jederzeit hat die Standuhr unserer Familie treu gedient. Sie zeigte immer an, was die Stunde geschlagen hatte. Wir erfuhren es im Zweiten Weltkrieg am eigenen Leibe: Jeder Glockenschlag konnte auch ein Schicksalsschlag sein, der unser aller Leben veränderte oder beendete. Der Riese Zeit schien uns wie ein Nimmersatt, der alles verschlingt.

Zu Beginn des 2. Weltkriegs zogen wir nach Graz in der Steiermark. Grund war die Versetzung meines Vaters nach Österreich. Möbel und Hausrat zogen mit um. So tickte auch in unserer – noch fremden – Wohnung die geliebte Standuhr weiter. Ihr Ticken und Schlagen bedeutete mir in der fremden Umgebung ein Stück Heimat.

Als ich vier Jahre alt war, habe ich die Standuhr zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Mein Vater klemmte mich zwischen seine Beine, so dass ich nicht weglaufen konnte und erklärte mir, wie man die Uhrzeit abliest. Immer wieder sagte er mir einen neuen Zeigerstand an, und ich musste ihm sagen, wie spät es war. Als ich zuletzt fragte: „Vati, warum heißt die Uhr denn Standuhr, wenn sie doch immerzu geht?“ Da hat er mich dann endlich lachend aus meiner Zwangslage entlassen.

1944 mussten wir aus der Steiermark flüchten. Mit leeren Händen kehrten wir in unsere Heimat zurück. Wir erlebten das Kriegsende in dem Haus, das einst unser Großvater gebaut hatte. Es wurde durch Artilleriebeschuss der amerikanischen Truppen über unseren Köpfen zerstört. Als ein paar Monate später die Sowjettruppen die Stadt besetzten, flüchteten wir im Morgengrauen in den Westen, wo unsere Familie glücklich zusammenfand. Die Standuhr und unsere Möbel waren sicher in fremde Hände gekommen. Keiner wusste, ob es sie überhaupt noch gab. Hunger- und Wohnungsnot setzten andere Prioritäten.

Irgendwann ging es wieder bergauf. Mein Vater konnte sogar Kontakt zu unseren Freunden in Graz aufnehmen. Und welch ein Wunder, sie hatten unsere Möbel für uns in Verwahrung genommen. Es gelang sogar ein glückliches Wiedersehen mit den geliebten Möbeln. Auch mit unserer Standuhr. Wenigstens dieses Stück Heimat war uns zurückgegeben worden. Das gute Stück war zwar stark ramponiert, das Schlagwerk ging nicht mehr, aber das Räderwerk der Uhr zeigte uns wieder den ewigen Fortgang der Zeit an.

Die Uhr schlägt längst für die nächste und übernächste Generation. Möge sie Ihnen eine glückliche Zeit anzeigen!



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