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Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied sing’ ich noch lange nicht

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

„Mein Kind soll es besser haben.“ Dieser Wunsch hat Mütter und Väter seit Jahrhunderten dazu bewegt aufzubrechen, aufzubegehren, sich aufzulehnen. Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Ich bin dankbar, in Deutschland zu leben, gesichert durch unser soziales Netz. Ich habe ein Zuhause, Trinkwasser kommt aus dem Wasserhahn, Hunger muss ich nicht leiden. Krieg kenne ich nicht aus eigenem Erleben, ich kann jederzeit frei meine Meinung äußern und frei wählen. Meine Kinder, meine Enkelkinder und wiederum deren Kinder sollen es ebenso gut haben. Im Vertrauen, dass Leben so gemeint ist, angstfrei, versorgt mit allem Lebensnotwendigen. In einer Welt, in der genug von allem da ist. Eigentlich. Für alle.

„Das Recht des Menschen ist’s auf dieser Erden/Da er doch nur kurz lebt, glücklich zu sein/Teilhaftig aller Lust der Welt zu werden/Zum Essen Brot zu kriegen und nicht einen Stein./Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so“, heißt es in der „Dreigroschenoper“ von Bert Brecht. Die Verhältnisse sind nicht mehr so, müsste es, auf die aktuelle Situation in unserem Land bezogen, heißen. Meine Dankbarkeit macht mich nicht blind für die Veränderungen in unserem Land. Weitreichende Entscheidungen unserer Volksvertreter/innen sind inzwischen häufig weder christlich noch sozial und schon lange nicht mehr frei. Die Auswirkungen politischen Handelns oder Nicht-Handels betreffen auch mich, haben Auswirkung auf meinen Alltag. Auf die Zukunft meiner Kinder, aller Kinder.

Szenenwechsel, Sonntagmorgen-Überraschung. An der Haustür hängt eine Papiertüte, gefüllt mit vier Brötchen. Ein freundlicher Gruß ist auch dabei. Nicht von netten Nachbar/innen. Es ist der 26. Mai 2013, Wahltag in Eckernförde. Doch wer glaubt, mit vier Brötchen meine Stimme gewinnen zu können, beleidigt meine Intelligenz. Einen Tag später, am 27. Mai, hatte ich Geburtstag. 181 Jahre zuvor, am 27. Mai 1832, begann das Hambacher Fest. Es gilt als Höhepunkt in der Demokratiegeschichte Europas. Die Werte, für die die Menschen damals gekämpft haben, können nur Bestand haben, wenn wir achtsam damit umgehen. Ich wähle eine Partei auf Grund dessen, wofür sie steht, deren Programm mein Herz erreicht. Und das schlägt auf der Seite, auf der es bei den meisten Menschen schlägt.

Die besagten Brötchen haben wir zwar zum Frühstück gegessen, besonders gut haben sie nicht geschmeckt. Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied sing’ ich noch lange nicht.

Meine Hochachtung gilt Inge Hannemann. Sie zeigt Menschlichkeit und Mut, in dem sie sich an ihrem Arbeitsplatz in einem Job-Center weigert, Sanktionen gegen zumeist junge Hartz IV-Empfänger/innen auszusprechen. Ich bin sicher, dass es weitere Mitarbeiter/innen gibt, die darunter leiden, die teils unwürdigen Vorschriften einhalten zu sollen.

In Frankreich haben sich Beschäftigte von Job-Centern zur Kampagne „Nein, das machen wir nicht mehr mit“ zusammengeschlossen und gaben eine Erklärung zur beruflichen und bürgerlichen Ethik ab.

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erstellt am 25.Sep.2013 | 00:36 Uhr

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