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Eckernförder Zeitung

16. Dezember 2017 | 10:38 Uhr

Sinti und Roma : Werben für den Austausch

vom

Europatag an der Verwaltungsfachhochschule Altenholz greift Änderung der Landesverfassung zugunsten der Sinti und Roma im Land auf.

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2013 | 07:42 Uhr

Altenholz | Etwa 1500 Sinti und Roma leben im Raum Kiel, in Schleswig-Holstein sind es rund 7000. Ihren Schutz und ihre Förderung hat der Landtag im Herbst in der Landesverfassung festgeschrieben und damit einen bedeutenden, wegweisenden Schritt getan. In manchen Ländern Europas ist man davon noch meilenweit entfernt, wie der 16. Europatag der Verwaltungsfachhochschule (FHVD) Altenholz gestern deutlich zeigte.

Der historische Beschluss aus dem Norden Deutschlands habe europaweit Beachtung gefunden, stellte Professor Dr. Heidi Mescher fest, die den gestrigen Tag an der Hochschule mit Karl-Gustav Günther von der Zentralstelle für Polizeiliche Prävention in Kiel organisiert hatte. Mit der Themensetzung wolle man zum einen diese Entscheidung feiern, zum anderen die Studenten der drei Fachbereiche und Gäste dazu einladen, sich zu informieren und Berührungsängste abzubauen. Landtagspräsident Klaus Schlie forderte die Anwesenden direkt dazu auf, appellierte an sie, sich mit der Kultur der Sinti und Roma auseinanderzusetzen. Die Entscheidung des Landtags, neben der dänischen Minderheit und der friesischen Volksgruppe auch die Sinti und Roma per Verfassung zu schützen und zu fördern, sei einstimmig gefallen und klinge so selbstverständlich, sagte Schlie. Doch bis dahin sei es ein langer Weg gewesen. Nun gehe es darum, das Staatsziel mit Leben zu erfüllen. Beide Seiten hätten Vorstellungen und Erwartungen, Befürchtungen und Wünsche. Schlie: "Um so wichtiger ist es, sich intensiv darüber auszutauschen." Den Rahmen dafür bietet ein neu eingerichtetes Gremium, das Anfang April zum ersten Mal tagte und äußerst positiv verlief. "Es wurden Probleme konkret angesprochen - das war nicht zu erwarten", betonte der Landtagspräsident. Er wünscht sich, dass dieses Gremium Modellcharakter bekommt und vielfach Nachahmer findet. Das Ziel sei ein gedeihliches Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten in gegenseitiger Achtung und Toleranz, skizzierte Schlie und forderte, rassistischen wie rechtsextremen Strömungen Einhalt zu gebieten und hier vor allem die Sensibilisierung der Jugend nicht aus den Augen zu verlieren.

Über die Bedeutung des verfassungsrechtlichen Schutzes in Schleswig-Holstein und die gleichberechtigte Teilhabe für Sinti und Roma als nationale Minderheit hätte Romani Rose zu den rund 180 Zuhörern sprechen soll. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma musste seine Teilnahme am Europatag jedoch absagen. Für ihn sprang Karl-Gustav Günther ein. Er vermittelte mit Hilfe von Untersuchungen, Filmen und Bildern ein Bild von der Lebenssituation von Sinti und Roma in Europa, das eher mit der traurigen Realität Notleidender in Afrika in Verbindung gebracht wird. Ausgrenzung, Segregation, Stigmatisierung - das seien die Folgen mangelnder Bildung, fehlender Ausbildung und Arbeit. Ein Teufelskreis. Um ihn zu durchbrechen, müsse die EU als Hüterin der Wertegemeinschaft dafür Sorge tragen, dass die Roma in die Gesellschaft integriert würden, machte Günther deutlich. Die empirisch belegte Bildungsdefizite erforderten im ersten Schritt eine Intensivierung der Bemühungen um nachhaltige Bildungsteilhabe für Sinti und Roma. An zweiter Stelle stehe die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Günther: "Es liegt an uns, die Weichen richtig zu stellen."

Dr. Udo Engbring-Romang, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, ging auf die Geschichte der Minderheit in Europa ein, Jan Opiéla, von der deutschen Bischofskonferenz mit der Seelsorge für Sinti und Roma beauftragter Pfarrer, beleuchtete anschaulich die Lebensumstände seiner Schützlinge, die Minderheitenbeauftragte des Landes, Renate Schnack, ging auf die Folgen der Verfassungsänderung ein. "Ich hoffe, dass die jungen Menschen sich nun selbst mit dem Thema befassen und eigene Nachforschungen dazu anstellen werden", sagte Matthäus Weiß, Vorsitzender des Landesverbands der Deutschen Sinti und Roma. Er rief die Zuhörer auf, den direkten Kontakt zu suchen: "Viele andere wissen mehr über uns als wir selbst. Fragt uns doch, wenn es Fragen gibt."

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