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Love-scamming : Wenn sich Liebe als Betrug entpuppt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Internetbetrüger haben eine perfide Masche entwickelt: Sie gaukeln Menschen die große Liebe vor, um Geld von ihnen zu erhalten.

shz.de von
erstellt am 16.Jan.2016 | 06:24 Uhr

Eckernförde | Sie melden sich über Facebook oder Parship, schleichen sich in die Herzen der Menschen und zocken sie gnadenlos ab: So genannte Love Scammer („Liebesbetrüger“) sprechen von Liebe und brauchen dann plötzlich Geld. Auch in Eckernförde melden sich jedes Jahr einige Opfer bei der Kriminalpolizei. Heike Lothar (Name von der Redaktion geändert) ist eines von ihnen. In ihrem Wohnzimmer liegt ein ganzer Aktenordner mit dem zerbrochenen Glück einer herbeigesehnten Romanze. Und einem leeren Bankkonto: 15  000 Euro hat sie einem Menschen überwiesen, den es gar nicht gibt.

Die Betrüger treiben sich auf Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken herum, legen sich ungewöhnliche Lebensgeschichten zu und machen einen seriösen Eindruck. Immer sind sie attraktiv, ihre Bilder in Wirklichkeit aber gestohlen. Die Betrüger sitzen in Westafrika: Nigeria oder Ghana. Bei den Mails oder Telefonaten geht es nicht um Geld, sondern um Liebe. Doch bevor man sich zum ersten Mal treffen kann, muss der Betrüger meist nochmal Westafrika – und dann passiert etwas, ein Unfall, ein Überfall, Probleme mit Kreditkarten. Der Betrüger bittet um Geld, die Liebe wird stark hervorgehoben, zum Teil mit Selbstmord gedroht. Und das Opfer zahlt.

So ähnlich ist es Heike Lothar ergangen. Die 52 Jahre alte Mutter von zwei Kindern ist seit einigen Jahren geschieden. Am 1. November erhält sie eine Freundschaftsanfrage über Facebook von Anthony Howell. Der ihr unbekannte Amerikaner sieht gut aus und wirkt seriös. Erst ist Heike Lothar skeptisch, nimmt die Anfrage aber dann an. „Ich dachte mir: Was hast du zu verlieren?“ Anthony stellt sich vor als General der US-Army mit Einsatz im Irak. Er sei auf Facebook auf der Suche nach einer Freundin gewesen, die ähnlich heiße, und so auf ihr Profil gestoßen. Schnell kommen sie über eine Übersetzungssoftware in einen Dialog, macht der 55 Jahre alte geschiedene Anthony der Heike Lothar Komplimente.

Dennoch bleibt sie vorsichtig. „Am Anfang habe ich mich gewehrt, Gefühle zuzulassen“, sagt sie. „Aber ich war in dem Moment sehr empfänglich für diese Aufmerksamkeit und bin schließlich doch auf ihn eingegangen.“ Kurz zuvor war ihre Mutter gestorben, Männer waren in ihrem Leben als alleinerziehende Mutter lange kein Thema mehr. „Ich habe mich nach langer Zeit wieder als Frau gefühlt.“

Schon am vierten Tag schreibt Anthony, dass er sich in Heike Lothar verliebt hat, bei ihr dauert es fünf weitere Tage, bis sie zugibt, dass es auch bei ihr „kribbelt“ – mittlerweile erfolgt die Konversation auf Englisch. Wie der Zufall es will, geht Anthony bald in den Ruhestand und bekommt eine große Abfindung. Die will er in Eckernförde investieren, ein Haus kaufen, endlich einmal Liebe zulassen können, ohne Angst vor Enttäuschungen zu haben. Am 12. Tag schickt er ein Paket mit allerlei Sachen und dem Geld ab. Weshalb er das Geld nicht überweisen kann, dafür findet er viele gute Gründe.

Doch dann beginnen die Probleme: Das Paket ist über den Zustelldienst in Ghana gelandet, wo eine zusätzliche Gebühr fällig wird. Anthony bittet Heike Lothar, 2300 Euro zu überweisen. Er komme an sein Konto aus dem Irak nicht heran. Heike Lothar ist skeptisch, da wird Anthony panisch, schreibt seiner „Honey“, dass er über eine Million Dollar in dem Paket hat. Schließlich weist die Eckernförderin 2300 Euro über Western Union an. „Zwei Tage später hat er dann richtig auf die Tränendrüse gedrückt“, sagt sie. Das Geld habe nicht gereicht, sie sei seine letzte Hoffnung. Zusätzlich erhält sie eine Nachricht von einer Agentin der Zustellgesellschaft, die sie unter Druck setzt. Und so gehen wieder 5700 Euro nach Ghana. Es folgen weitere Probleme und weitere Überweisungen, bis eine Bankangestellte skeptisch wird und der Eckernförderin am 21. Dezember einen Zeitungsartikel über Love Scamming gibt. Da ist Heike Lothar aber schon 15  000 Euro ärmer. Sie ist fassungslos, spricht Anthony darauf an. Der wird erst wütend, gibt sich dann enttäuscht. Heike Lothar kündigt die Freundschaft bei Facebook, kurze Zeit später ist Anthonys Profil gelöscht.

Mit ihrer Erfahrung ist die Eckernförderin nicht allein. „Ungefähr zweimal pro Jahr nehmen wir eine Anzeige wegen Love Scamming auf“, sagt Eckernfördes Kripo-Chef Frank Röckendorf. Dabei würden Männer wie Frauen Opfer. „Ein Mann stand mit einem Blumenstrauß am Flughafen, um seine Freundin abzuholen, die dann nicht kam.“

Während die meisten Opfer nicht nur das verlorene Geld, sondern auch ein gebrochenes Herz beklagen, bleibt Heike Lothar gefasst. „Es hat zwar gekribbelt, aber ich war immer realistisch.“ Traurig ist sie nicht, im Gegenteil: „Diese Sache hat mich aus meiner Lethargie herausgeholt, sodass ich wieder mit beiden Beinen im Leben stehe.“ Sie sei mit einem blauen Auge davongekommen. „Ich habe keinen Kredit aufgenommen oder mich verschuldet.“ Tatsächlich gibt es Berichte von Menschen, die bis zu einer Million Euro verloren haben.

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