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Eckernförder Zeitung

17. November 2017 | 20:40 Uhr

Lesung : Wenn plötzlich alles anders ist

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Schriftstellerin Mareike Krügel liest in der Buchhandlung am Gänsemarkt aus ihrem neuesten Roman „Sie mich an“.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2017 | 06:13 Uhr

Eckernförde | Plötzlich ist alles anders. Gestern noch war die Welt in Ordnung, heute nicht mehr. Und das nur, weil eine kleine Information alles, was folgt, in Frage stellt, auf den Kopf stellt, vielleicht sogar unwichtig macht. So ergeht es Katharina Theodoroulakis, der Protagonistin in Mareike Krügels neuem Roman „Sie mich an“.

Jüngst hat sie einen Knoten in ihrer Brust ertastet, der sie angesichts der Tatsache, dass ihre Mutter an Brustkrebs gestorben ist, nichts Gutes hoffen lässt. Doch Katharina, die es als beinah fertig promovierte Musikwissenschaftlerin in der Lübecker Provinz nur bis zur Musiklehrerin im Elementarbereich gebracht hat, hat eine chronische Phobie vor Ärzten. So lässt sie ihre Ahnung in der ungewissen Schwebe.

Statt aber in Panik zu verfallen, beschließt sie – zumindest das bevorstehende Wochenende – uneingeschränkt im Hier und Jetzt zu verbringen; mit ihrer Tochter, ihrem Sohn, aber vor allem ihrem Studienfreund Kilian, der zu Besuch ist und mit dem sie sich gemeinsam auf die Suche nach jenem Wendepunkt in ihrer Biographie macht, an dem ihr jetziges Leben nur schemenhaft am Horizont aufschimmerte.

Es ging Mareike Krügel, die in Kiel geboren ist und in Ulsnis an der Schlei lebt, in ihrem dritten Roman nicht darum, ein „Krebsbuch“ zu schreiben, „sondern ein Familienbuch“. Das betonte sie ausdrücklich, als sie auf eine Frage aus dem Publikum der bis auf den letzten Klappstuhl besetzten Buchhandlung am Gänsemarkt antwortete. „Mich interessierte beim Schreiben, wie sich ein Leben, das bisher in festen Bahnen verlief, plötzlich ändern kann. Und was das für das eigene Leben, aber auch für jene, die mit ihm verknüpft sind, bedeutet.“

Diese Plötzlichkeit schlägt sich auch in ihrem Schreib- und Lesestil nieder. Mareike Krügel fackelt nicht lange: Einsteigen, anschnallen, losfahren bitte. Schon mit den ersten beiden Sätzen gibt sie Ton und Tempo ihres Romans und währen der Lesung an: „Ich will nicht sterben, und ich will auch nicht durch diese Tür gehen. Schultüren sind der Eingang zur Hölle.“ Aber Katharina muss da durch – Tochter Helli hat mal wieder Nasenbluten und soll aus der Schule abgeholt werden. Und deshalb geht sie natürlich durch die Tür, obwohl sie eigentlich ganz andere Sorgen hat: „Das Etwas sitzt in meiner linken Brust und tut alles, was es nicht tun soll: Es wird nicht kleiner, ist nicht beweglich und schmerzt nicht. Es ist, was es ist. Aber es ist schließlich auch nicht seine Aufgabe, mir Hoffnung zu machen.“

Das Publikum, zunächst wohl eher auf eine literarische Verarbeitung des Themas Krebserkrankung eingestellt, nahm dankbar jenen burschikos wirkenden Ton Krügels auf: Ständiges Lachen begleitete Krügels etwa einstündige Lesung, in der sie all die alltäglichen Vorkommnisse Katharinas schilderte und die vermutete Diagnose in den Hintergrund rücken ließ: „Scheiße, Mama, brüllt Helli. Es gibt einen Knall und ein hässliches Knirschen auf ihrer Seite, ich bremse und öffne die Augen.“ Das ist nur eine der vielen „Pannen“ in „Sieh mich an“. Es passieren viele verrückte Geschichten an diesem einen Tag, jenem, von dem der ganze Roman erzählt.

„Ich wollte einen Kontrast schaffen“, erzählt Krügel. „Ich bin beim Schreiben sehr emotional, ich lach’ laut und weine auch mal, und das ist nicht einfach, wenn ich jeden Tag an den Schreibtisch gehen muss, und ich schreibe über was sehr Trauriges oder habe das Gefühl, die Protagonistin, mit der ich nun täglich zu tun habe, stirbt vielleicht. Das muss auch Skurrilität und Witz haben, das schützt.“

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