Psychiatrie im Film : Wenn Menschen aus Leid krank werden

„Der Mensch kommt nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt“: Andrea Rothenburg (v.l.), Alfred, Andreas und Sonja Steinbach  diskutierten nach dem Film mit dem Publikum über die frühzeitige Prägung von Kindern auf die Mutter.
„Der Mensch kommt nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt“: Andrea Rothenburg (v.l.), Alfred, Andreas und Sonja Steinbach diskutierten nach dem Film mit dem Publikum über die frühzeitige Prägung von Kindern auf die Mutter.

Serie „Psychiatrie im Film“ mit anschließender Diskussion unter Betroffenen und Publikum schildert psychische Erkrankungen durch Leidensdruck

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10. März 2014, 06:17 Uhr

In einem Scherbenhaufen aus zerbrochenen Glasflaschen – zugleich das Symbol ihres über Jahre gescheiterten Lebens auf der Suche nach sich selbst – beginnt der sensibel und mit langen Einstellungen gedrehte Film von Andrea Rothenburg über Petra Thomsen. Sie wurde kurz nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Die frühe Entfremdung von ihrer Mutter sowie drei Monate im Säuglingsheim traumatisierten sie: „Aus dem Leib meiner Mutter herausgerissen“, schildert Petra Thomsen in dem tief berührenden Film die Suche nach ihrer Mutter. Innerlich zerrissen, ließ sie vieles mit sich machen, wurde misshandelt, fügte sich Schmerzen zu, suchte Auswege in Drogen und Alkohol, dachte sogar an Selbstmord, hatte immer große Angst, die Pflegeeltern zu verlieren. „Zwei Stimmen lebten in mir. Eine gute, eine böse. Die Böse sagte: Lass es, gib auf, Du schaffst es ohnehin nicht, so perfekt zu werden, wie die gute Stimme es sich vorstellt.“ Am Sonnabend wurden ihr Leben und ihre Gefühlswelt als Film im Kommunalen Kino gezeigt – mit anschließender Diskussionsrunde.

Obwohl von Adoptiveltern mit großem Verständnis und viel Liebe aufgezogen, verstärkten sich ihre inneren Zweifel, Petra wurde aggressiv, handelte in einer Weise, die es allen schwer machte, sie zu lieben. Sogar sie selbst hasste sich, wollte sich das Leben nehmen; schaffte aber den Weg zum Arzt und war stark genug, psychiatrische Hilfe anzunehmen. Erschwerend kam dazu, dass der Kontakt zu der mittlerweile 16-jährigen Petra von ihrer leiblichen Mutter her abgebrochen wurde. „Gründe zum Saufen gibt es immer!“ So setzte sich die Spirale der Verzweiflung fort, Petra verfiel dem Alkohol: „Ich habe eine Ahnung davon bekommen, was Alkohol für ein Teufel ist und was er mit einem macht!“

„Fast jeder dritte Mensch leidet Schätzungen zufolge mindestens einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung“, heißt es in der Ankündigung zu dem Film „Tiefdruckgebiete“. „Niemals zuvor war der individuelle Freiraum von Menschen größer, gleichzeitig aber der Leistungsdruck durch die Arbeitswelt und Gesellschaft höher. Millionen Menschen leiden unter den Folgen und dem zugleich oft erlebten Wegfall sozialer Sicherheit und werden psychisch krank.“

Ein großes Feld für die Psychiatrie, ihre Zukunft scheint rosig. Dennoch: Das Image ist nicht eindeutig positiv besetzt, Ängste bestehen aus Erfahrungen im Umgang mit Zwangseinweisungen, die „Bändigung“ gewaltbereiter Psychiatrie-Patienten, Fixierung und medikamentöse Ruhigstellung von Problempatienten haben Spuren hinterlassen.

Wie Petra Thomsen heute in Rickling geholfen wurde (und wird), ihren Weg zu sich selbst zu finden, zeigte eindrucksvoll der Film von Andrea Rothenburg. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum, an der auch die alkoholkranken Alfred und Andreas teilnahmen (mit ihnen hatte Andrea Rothenburg ebenfalls Filme gedreht), wurde klar, das bereits lange vor der Geburt eine Prägung auf die Mutter stattfindet. Dr. Henning Ohlen, Leitender Oberarzt Fachklinikum Schleswig: „Nach der Geburt ist die Stimme der Mutter sofort weg, weitere Prägungen fanden durch Gerüche statt. Sie sind anders als bei den Adoptiveltern. Weitere Bindungsfaktoren werden abgebrochen. Man kommt nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt.“

Erstaunt darüber, wie früh die Ursachen psychischer Störungen zu suchen sind; aber auch, wie verständnisvoll heute mit Patienten umgegangen wird und wie hilfreich Kunsttherapien sind, erlebten die Zuschauer Petras Weg zu einer stabileren, selbstsicheren Frau. Allerdings ohne Garantie: Zwar eröffneten ihr künstlerische Arbeit und die Therapie in der Spezialstation für Menschen mit einer Borderline-Störung neue Horizonte und die Hoffnung, sich schließlich doch selbst zu finden. Petra hat es noch nicht ganz geschafft – der Alkohol hat sie wieder zu einer Kur „verführt.“

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