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Das EZ-Interview : Wenn der Rubel nicht mehr rollt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Auswirkungen internationaler Politik sind auch in Eckernförde spürbar. Ein Interview mit Rüdiger Behn, Geschäftsführer des Spirituosenherstellers Behn.

Eckernförde | Eckernförder Zeitung: Im vergangenen Jahr hat die EU Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Was bedeutet das für die Firma Behn?

Rüdiger Behn: Die Sanktionen selbst überhaupt nichts, denn der Import von Wodka nach Russland ist nach wie vor unbeschränkt möglich. Was uns trifft, ist der gesunkene Rubelkurs als Folge der Sanktionen und als Folge des niedrigen Ölpreises. Der Rubelkurs ist seit Beginn 2014 gegenüber dem Dollar ungefähr um 50 Prozent gefallen und gegenüber dem Euro um 40 Prozent. Das hat zur Folge, dass sich viele Russen importierte Ware nicht mehr leisten können, wobei unser Geschäft nach Russland direkt überschaubar ist. Entscheidend ist, dass wir insbesondere mit der Marke Danzka Wodka mehr oder weniger in den Duty-Free-Shops in jedem Flughafen der Welt stehen. Die Russen fliegen für gewöhnlich ganz bestimmte Urlaubsdestinationen an wie Bangkok, Dubai, Indien, Wien, Frankfurt und Antalya, können sich aber jetzt den Urlaub nicht mehr leisten. Und selbst wenn sie sich den noch leisten können, kaufen sie sich zumindest keine Luxusprodukte mehr, sondern zum Beispiel zu Hause ihren einheimischen Wodka. Insofern trifft uns der stark gesunkene Rubelkurs gar nicht so sehr in Russland, sondern überall dort, wo Russen üblicherweise hingeflogen sind, um Urlaub zu machen.

 

Gilt das nur für den Danzka Wodka oder auch für andere Behn-Marken?

Das gilt insbesondere für den Danzka Wodka. Sein Umsatz ist um 40 Prozent zurückgegangen. Wir hatten mit unserem russischen Importeur vor, den Danzka Wodka in Russland größer zu machen. Davon mussten wir erstmal Abstand nehmen, weil die Preise für die Russen exorbitant hoch sind.

 

Das hätte man gar nicht gedacht. Die Russen haben doch so viele eigene Wodkamarken.

Das ist wie bei uns auch. Der importierte Wodka hat oft ein höheres Ansehen als das im Inland hergestellte Produkt.

 

Wie steht es bei den anderen Marken von Behn?

Die sind davon nicht betroffen. Entscheidend ist das für den Danzka Wodka. Das ist natürlich unglücklich, weil wir die Marke 2013 gekauft haben. Ein Jahr später hatten wir dann diesen Einbruch, den man nicht ahnen konnte. Erschwerend kommt hinzu, dass auch die südamerikanische Wirtschaft leidet. Der Real in Brasilien hat gegenüber dem Dollar um 25 Prozent verloren. Südamerika ist für Danzka ein wichtiger Markt, dort läuft aber im Moment auch so gut wie nichts, weil dort ein ähnliches Problem herrscht wie in Russland.

 

Bedeutet das für Sie, auszuharren bis die Talsohle durchschritten ist, oder gibt es konkrete Konsequenzen?

Langfristig glauben wir, dass es den russischen Markt, also den Markt der russischen Konsumenten, geben wird. Der jetzige Zustand ist für alle Beteiligten unbefriedigend. Wir glauben, dass sich der Rubelwert wieder normalisieren wird. Wir wissen nur nicht, wann. Das hängt viel mit großer Weltpolitik zusammen, das hängt davon ab, wann der Ölpreis wieder steigen wird – Russland lebt ja zu einem Großteil vom Rohstoff-Export. Der Ölpreis wird absehbar nicht in seine alten Regionen zurückkehren, da auch der Iran wieder auf den Ölmarkt kommt. Dann wird das Ölangebot noch größer und der Preis zumindest nicht steigen. Also hängt es umso mehr davon ab, wie man sich in der Krim-/Ukraine-Krise einigt. Aber am Ende wird sich das Problem regulieren. Wir halten durch und geben die Märkte nicht auf.

 

Gibt es Danzka Wodka nur im Duty Free Shop auf internationalen Flughäfen?

Grundsätzlich gibt es ihn genau dort auf der ganzen Welt. Bei den Domestikmärkten haben wir nur einige wenige Kernmärkte. Da werden wir jetzt weitere Märkte ausbauen, zum Beispiel Vietnam und USA. Aber das hätten wir sowieso gemacht. Wir haben ja nicht die Marke gekauft, um sie in ihrem damaligen Zustand zu erhalten, sondern wir wollten sie weiterentwickeln und neue Märkte suchen. Das müssen wir jetzt machen, um die derzeitigen Verluste zu kompensieren. Insofern ist das eher ein Rückschritt.

 

Aber vielleicht die einzige Alternative?

Auf jeden Fall eine Alternative. Das versuchen wir mit Vietnam und USA, und auch Polen wird wahrscheinlich hinzukommen.

 

Warum ausgerechnet Vietnam?

Das ist der einzige asiatische Markt, der wodka-affin ist. Das liegt an der Geschichte des Landes, denn dort haben lange Zeit die Russen die Oberhand gehabt, besonders in Nordvietnam. Nur wir haben natürlich ein Zeitproblem. Den Markt mit den Russen haben wir innerhalb von Monaten verloren, aber innerhalb von Monaten kann man nicht eine Marke in wettbewerbsintensiven Märkten neu aufbauen. Das dauert Jahre.

Wie hoch ist der Anteil des Danzka-Wodkas an Ihrem Gesamtumsatz?

Das sind ungefähr 25 Prozent beim Umsatz und etwa 40 Prozent beim Absatz. Der Umsatz ist niedriger, weil wir die Alkoholsteuer im Inlandsmarkt in den Umsatz reinrechnen, und wenn wir exportieren, fehlt dieser Anteil.

 

Wenn man jetzt auch noch den südamerikanischen Markt mitrechnet, wie hoch ist der Umsatzverlust auf Ihr gesamtes Portfolio gerechnet?

Insgesamt dürfte der bei 12 bis 13 Prozent liegen.

 

Das ist ja eine Hausnummer. Das kann sich nicht jede Firma leisten.

Das kann man sich auch nicht auf Dauer leisten. Deshalb überlegen wir, wie wir mit der Situation umgehen, zumal wir nicht wissen, wie lange sie dauern wird. Grundsätzlich gilt jetzt erst einmal durchhalten. In den Wirtschaftsgeschichten von Russland und Südamerika hat es immer wieder Einbrüche gegeben und danach wieder Wachstumsphasen. Aber die Politik muss erkennen, dass Russland durchaus eine Weltmacht ist und entsprechend respektiert und in die Weltgemeinschaft integriert werden will.

 

Gibt es für Sie in Form eines übergeordneten Verbandes als eine von vielen Stimmen die Möglichkeit, in irgendeiner Form Einfluss zu nehmen?

Nein. Natürlich kann man versuchen, hier und da ein politisches Statement abzugeben, aber sonst gibt es keinen Verband, der speziell unsere Interessen vertritt. Es gibt den Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, der immer wieder auf die dramatischen Verluste hinweist, aber ich habe den Eindruck, dass die Politik Priorität hat, auch unter starkem Druck der USA. Wenn Europa freier vom amerikanischen Einfluss wäre, hätte man sich schon schneller zusammengerauft. Aber es gibt erhebliche amerikanische Interessen in der Ukraine, deswegen gibt es auf die europäische Politik einen erheblichen Druck von Seiten der Amerikaner. Im Moment wird da nicht sehr klug gehandelt. Man muss immer die Geschichte verstehen: Gorbatschow hat damals die Ost-West-Teilung der Welt aufgegeben, hat die Vereinigung Deutschlands ermöglicht und dem Westen die Hand gereicht. Dieses Angebot ist nicht ausreichend genutzt worden, sondern im Gegenteil: Man hat die Nato und die Europäische Union schnell weiter nach Osten erweitert. Das war sicher nicht im Geiste Gorbatschows, der sich die weitere Entwicklung anders gedacht hat, so wie es vielleicht hinter geschlossenen Türen besprochen wurde. Der Westen hat das mehr als Sieg über den Sozialismus und Kommunismus empfunden und nicht ausreichend die Zusammenarbeit mit den Russen gesucht, besonders nicht die Amerikaner. Deshalb stören die sich auch heute nicht an den Sanktionen, weil sie ohnehin kaum wirtschaftliche Beziehungen zu Russland unterhalten. Die Amerikaner erhöhen den Druck, und die Europäer leiden.

 

Sind diese Sanktionen denn Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Ich halte sie nicht für sinnvoll. Sanktionen kann man aussprechen gegenüber kleineren Staaten. Dann kann man wirtschaftlichen Druck entwickeln und vielleicht auch Politik verändern. Gegenüber einem Land wie Russland werden Sanktionen nicht funktionieren. Dafür ist Russland zu groß, dafür ist auch die Leidensfähigkeit der Russen zu groß und dafür ist auch das Geschichtsbewusststein der Russen zu groß. Und es ist für die Russen auch leicht einsichtig, dass sie im Bezug auf die Ukraine kaum anders handeln konnten, als sie gehandelt haben. Es ist ja naiv zu glauben, sie würden sich den militärischen Zugang zum Schwarzen Meer versperren lassen. Weshalb hat Russland denn eine Exklave an der Ostsee bei Königsberg? Auch, um einen eisfreien Zugang zum Nordmeer zu haben. Warum sollte das im Schwarzen Meer anders sein? Man muss wissen, die Krim ist damals von Chrustschow an die Ukraine verschenkt worden. Man hat dann einen Pachtvertrag aufgesetzt, um die Häfen auf der Krim weiter auch für die russische Marine zugänglich zu machen. Jetzt sahen die Russen, dass ihnen diese Häfen abhanden kommen sollten. Das hätte man etwas anders einfädeln müssen, nicht so plump, wie es jetzt von Seiten des Westens gemacht worden ist.

 

Nochmal zurück zum Umsatzeinbruch. Gibt es Konsequenzen wie zum Beispiel Stellenabbau?

Das werden wir versuchen zu vermeiden. Stellenabbau wird eher über Leiharbeiter gepuffert. Die Stammbelegschaft hoffen wir zu erhalten, aber wir haben im Rahmen einer Vereinbarung mit den Mitarbeitern, die noch Zulagen hatten, nur einen Teil der Lohnerhöhung tatsächlich weitergegeben und den anderen Teil auf die Zulagen gegengerechnet. Insofern haben wir auf die Loyalität der Mitarbeiter gesetzt, und werden, wenn die Zeiten wieder besser werden, das auch kompensieren. Das haben wir in guten Zeiten immer gemacht: Dann haben die Mitarbeiter profitiert, und jetzt ist es halt mal umgekehrt. Da müssen wir uns arrangieren, aber das funktioniert sehr gut.

 

 

 

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erstellt am 01.Sep.2015 | 05:48 Uhr

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