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Eckernförder Zeitung

17. Dezember 2017 | 07:31 Uhr

Häusliche Gewalt : Wenn der Mann zuschlägt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Opfer von Misshandlungen finden Zuflucht im Rendsburger Frauenhaus / Hilfe bei Neuordnung des Lebens und Stärkung des Selbstwertgefühls

von
erstellt am 08.Mär.2016 | 06:32 Uhr

Es ist 23 Uhr nachts. Das Telefon klingelt. Die Polizei ist dran. Sie haben eine Frau, um die 30, mit zwei kleinen Kindern aus einer Notsituation gerettet. Nachbarn haben Schreie und Kampfgeräusche gehört und die Polizei gerufen. Im Frauenhaus Rendsburg wird alles vorbreitet. Eine Mitarbeiterin empfängt Mutter und Kinder, schaut, ob sie medizinische Hilfe brauchen. Die Frau wurde im Streit gewürgt, zittert, weint, hat noch immer Todesangst. Alle bekommen ein bezogenes Bett, etwas zu essen, zu trinken, werden in den Arm genommen. Keine Frau wird abgewiesen, die in Not ist. Das Haus ist rund um die Uhr erreichbar.

„Es geht erst einmal darum, die aktuelle Situation zu bewältigen“, macht Susanne Jahn, Diplom-Pädagogin und derzeitige Interimsleiterin des Frauenhauses in Rendsburg, deutlich. Zum 1. April wird die Sozialwissenschaftlerin Britta Brumm, vormals leitende Mitarbeiterin des Jugendamtes Nordfriesland, diese Aufgabe übernehmen. „Es gibt viele Frauen, die häusliche Gewalt erleben, so dass Frauenhäuser immer noch ihre Berechtigung haben“, erklärt Susanne Jahn. „Leider.“ Das ist ihr wichtig zu betonen. Gerade heute, am Internationalen Frauentag, der weltweit von Frauenorganisationen am 8. März begangen wird, um den Fokus auf die Rechte der Frauen zu lenken.

22 Plätze hält das Frauenhaus Rendsburg für Frauen und ihre Kinder im Falle von häuslicher Gewalt bereit, bietet Hilfe, Beratung und vorübergehend eine geschützte Unterkunft. Die typische Geschichte gibt es nicht, erfährt Susanne Jahn immer wieder. Die Frauen, die bei ihnen Schutz suchen, sind im Alter von 18 bis 80 Jahren und kommen aus allen Schichten. Unter den Gewalttätern sind Lehrer, Professoren, Ärzte, genau wie Arbeiter und Arbeitslose. Auch die Formen der Gewalt, die die Frauen erleben, sind unterschiedlich: Sexualisierte Gewalt, physische und psychische Gewalt. Auch Gewalt in der häuslichen Pflege ist ein Thema. 30 Prozent der Frauen haben einen Migrationshintergrund. 70 Prozent der deutschen Frauen kommen aus dem Kreisgebiet. Manche kommen auch von weiter her, wenn sie mehr Abstand brauchen. Sogar aus Bayern. Die Frauen bleiben zwischen wenigen Tagen und sechs Monaten. Viele suchen sich eine neue Wohnung. Das braucht seine Zeit.

Zum Team um Susanne Jahn gehören Diplom-Pädagogin Beate, Sozialpädagogin Heidemarie, Heilerziehungspflegerin Indra und Erzieherin Petra. Die Hauptaufgabe sieht das Team darin, die Frauen zu unterstützen, die Krise zu bewältigen, juristischen Beistand zu suchen, das Umgangsrecht für die Kinder zu regeln, mit dem Jobcenter Kontakt aufzunehmen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln. „Die Frauen müssen sich klar werden, wie sie weiter leben wollen“, sagt Susanne Jahn. „Und es geht auch darum, das Selbstwertgefühl der Frauen zu stärken.“ Für Kinder gibt es feste Betreuungszeiten, damit die Mütter in Ruhe Einzelgespräche führen, Ärzte oder Behörden besuchen können. Auch die Kinder werden, wenn nötig, medizinisch oder therapeutisch versorgt. Denn für sie ist es schwierig mit anzusehen, wenn die Mutter misshandelt wird. Teilweise werden sie auch selbst misshandelt.

Ein Hotel ist das Frauenhaus nicht. Jede Frau bleibt für sich selbst verantwortlich, kauft ein, kocht, hält ihr Zimmer in Ordnung und kümmert sich um ihre Wäsche.

Gegründet wurde das Frauenhaus in Rendsburg 1975 vom Verein „Autonomes Frauenhaus Rendsburg“. Im April 2013 gab der Verein die Trägerschaft an die Brücke Rendsburg-Eckernförde ab. Finanziert wird es vom Land Schleswig-Holstein. Konzeptionell unterstützen der Brücke-Verbund und ein Beirat das Frauenhaus. Heike Rullmann, Geschäftsführerin der Brücke, sieht in der Übernahme der Trägerschaft durch die Brücke große Vorteile. „Für uns passt es sehr gut zusammen, weil wir uns auch im Bereich Kinder-, Jugend- und Familienhilfe engagieren“, erklärt sie. „Dieser Austausch ist uns ganz wichtig.“ Zum Beirat gehören Ursula Schele vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und langjährige Leiterin des Büros „Petze“, das sich um Prävention von Gewalt und sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen kümmert, die Kinderschutzbeauftragte des Kreises Wiebke Schmitz und Regina Selkers, frühere Referentin des Landes für Frauenhäuser.

Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Gewalt gegen Frauen hält Susanne Jahn für extrem wichtig. Sie erklärt: „Wir versuchen Frauenhaus-Arbeit und politische Arbeit zu verbinden und das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit zu bringen.“

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