handwerk : Wenn aus Wolle Garn wird

Gemeinsames Hobby: Anne-Christin Wenkel und Reni Hamann.
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Gemeinsames Hobby: Anne-Christin Wenkel und Reni Hamann.

Nordspinnertag in Gettorf: Hobby für Frauen, Männer und alle Generationen / Wolle nicht nur von Schafen

Jonna frei.jpg von
10. Januar 2017, 06:49 Uhr

Etwa 80 spinnende Norddeutsche waren am Sonntag beim diesjährigen Nordspinnertag. Organisiert wird das jährliche Treffen von Benita Davidoff aus Lindau. Die Spinner bringen ihre Spinnräder mit, Wolle und einige fertige Stücke. Im Mittelpunkt steht der Erfahrungsaustausch. Das ist besonders für die Spinnerinnen wichtig, die ihr Hobby allein zu Hause pflegen.

Zum Spinnen ist Benita Davidoff (65) durch ihre Arbeit in der Behindertenwerkstatt Schinkelerhütten gekommen. Zwei geistig behinderte Frauen arbeiteten dort am Spinnrad. Was sie konnten, musste leicht zu lernen sein, dachte sie sich damals. Das war jedoch ein Irrtum. „Spinnen lernen ist mindestens so schwer wie Autofahren lernen“, sagt sie heute. Längst gibt sie selbst Spinnkurse. Über mangelnde Nachfrage kann sie sich nicht beklagen, denn selber machen ist wieder angesagt. Meist seien es Frauen mit ‚Kopfberufen‘, die in ihre Kurse kommen, weil sie einen kreativen Ausgleich in ihrer Freizeit suchen.

Angela und Torsten Schumacher aus Eckernförde spinnen beide. Hobby und Beruf sind bei Ihnen nicht klar zu trennen. Sie arbeiten in der Tagesförderstätte „Die Eckernförderer“ für behinderte Menschen. Die Werkstatt hält seltene Wollschafrassen, 18 Schafe insgesamt. Die Nutzer der Werkstatt kümmern sich um die Tiere, waschen die Wolle, kardieren, färben, filzen und spinnen sie, verarbeiten sie zu Kunstwerken und verkaufen sie auf dem Wochenmarkt. In der Holzwerkstatt werden seit ein paar Jahren auch Spinnräder gebaut, die „Küstenspinner“, eine Idee von Teamleiter Torsten Schumacher. Die Nachfrage ist größer, als die kleine Werkstatt leisten kann. Sogar in Österreich, Bayern und am Bodensee üben Spinner das alte Handwerk inzwischen auf Küstenspinnern aus. Seine Frau Angela hat kürzlich einen Spinn-Strick-Treff in Eckernförde ins Leben gerufen. Der trifft sich jeden dritten Montag im Monat ab 17 Uhr in der Eichhörnchen-Schutz-Station in Eckernförde. Interessierte Spinner und Stricker sind jederzeit willkommen.

Anne-Christin Wenkel aus Neumünster (21) studiert soziale Arbeit und ist eine der jüngsten Spinnerinnen im Gemeindesaal. Zum Spinnen ist sie über ihr Engagement in der Mittelalter-Szene gekommen. „Da kommt man schnell an den Punkt, wo man sich Kleidung selbst herstellen muss“, sagt die junge Frau. Reni Hamann aus Wasbek bei Neumünster (57) hat sich auf Wolle von Samojede-Hunden spezialisiert. Sie spinnt die Wolle und verstrickt sie zu kuschlig weichen Mützen, Stulpen und Socken. Sie verarbeitet die Wolle ihrer eigenen beiden Hunde und gespendete Wolle. Denn sie engagiert sich im Verein Samojede-in-Not. Der Verkaufserlös kommt dem Verein zugute. Im Spinnkreis Thundorf trifft sie sich regelmäßig mit anderen Spinnerinnen.

Christel Kirst (72) kommt aus Molfsee und hat vor etwa 30 Jahren mit dem Spinnen begonnen. Ihre Tochter Miriam Kirst (47) kommt aus Kiel. Auch ihr zwölfjähriger Sohn spinnt inzwischen. Er hat es sich selbst beigebracht. Als er einmal zwei Wochen krank war, schaute er seiner Oma beim Spinnen über die Schulter und probierte es selbst. Seitdem kann er spinnen.

Wolfgang Gresens (67) aus Lübeck züchtet seit 15 Jahren „Ostpreußische Skudden“, die kleinste deutsche Schafrasse, die auf der bedrohten Liste seltener Haustierrassen steht. Er möchte seinen Beitrag leisten, dass diese seltene Schafrasse nicht ausstirbt. „Wenigstens solange nicht, wie ich lebe.“ Dafür bewirtschaftet er 20 Hektar Weideland. Zum Spinnen ist er durch die Standbetreuung seines Schafzuchtverbandes auf der Grünen Woche in Berlin gekommen. Seine Standkollegin hatte ein Spinnrad dabei, er nahm Spinnunterricht. Als spinnender Mann war er auf der größten Landwirtschaftsausstellung der Welt ein echter Exot. Die Leute kamen um ihn am Spinnrad zu sehen. Grund genug für den Anfänger in der Zeit bis zur nächsten Grünen Woche zu Hause fleißig zu üben. Aber wohin mit der vielen gesponnenen Wolle? Also lernte er vor etwa fünf Jahren auch stricken. Sein Erstlingswerk war gleich ein Pulli, den er noch heute als Arbeitspulli trägt. Von der Wiederansiedlung der Wölfe in Deutschland hält er gar nichts. „Seit 200 Jahren haben wir Deutschland eine Kulturlandschaft ohne Wölfe. Es sind nicht nur die ein oder zwei Schafe, die der Wolf reißt. Er bringt Stress in die Herde. Die Schafe verlammen (Fehlgeburten – Anmerkung der Red.), fallen in Gräben, laufen auf die Autobahn. Wer von seiner Schafzucht leben muss, hat erheblichen Mehraufwand und mehr Sorgen.“

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