zur Navigation springen

Jahresbilanz : Weisser Ring gibt Opfern eine Stimme

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Opferschutzorganisation 2014 in 284 Fällen aktiv. Gespräche, Betreuung und Vermittlung und Finanzierung von Anwälten und Psychologen

von
erstellt am 31.Mär.2015 | 06:02 Uhr

Die Täter stehen im Mittelpunkt, die Opfer leiden, oft im Verborgenen und oft ein Leben lang. Das muss nicht sein, sagt Uwe Rath, der frühere Kripo-Chef in Rendsburg und Eckernförde. Denn es gibt die sehr aktive Opferschutzorganisation Weisser Ring. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde kümmern sich 17 ausschließlich ehrenamtlich tätige Mitarbeiter um die Kriminalitätsopfer. Damit liegt der Kreis an der Spitze der 16 Außenstellen im Land, „wir haben aber auch die meisten Fälle“, weiß Rath, der gestern mit einigen Mitarbeitern aus dem Raum Eckernförde im Rathaus die Jahresbilanz vorstellte. Gastgeber Bürgermeister Jörg Sibbel dankte Rath und seinen Mitarbeitern für die Arbeit, die man in Eckernförde sehr zu schätzen weiß. „Die Arbeit des Weissen Ring hilft den Opfern und ist sehr segensreich“, sagte Sibbel.

Da ist das zehnjährige Schulmädchen, vor der sich auf dem Heimweg plötzlich ein Exhibitionist entblößt und sie zu sexuellen Handlungen auffordert – das Mädchen flieht, der Täter wird gefasst, aber das Mädchen muss diese Bilder verarbeiten und ihre Eltern, Geschwister und Verwandten werden dadurch ebenfalls zu Opfern des Täters. Da ist die alleinerziehende Mutter, die mit 800 Euro auskommen muss. Als ihr für 75 Euro erworbener Kinderwagen im Hausflur gestohlen wird, bricht eine kleine Welt für sie zusammen. Oder die vielen Fälle von unlauteren Gewinnversprechen, denen oft ältere Menschen zum Opfer fallen: „Glückwunsch, Sie haben ein Auto im Wert von 42  000 Euro gewonnen“, fangen solche Betrügereien dann an. Die Sache hat nur einen Haken: der Wagen steht in der Türkei, es werden Zollgebühren und Steuern in Höhe von 2000 Euro fällig, die müssten zunächst überwiesen werden. Wird gezahlt, wird die Quelle durch weitere Rechnungen abgepumpt und der Druck durch die Androhung von Inkasso-Maßnahmen oder Zwangsvollstreckungen erhöht. „Das schüchtert die älteren Menschen oft ein, dann wird gezahlt“, macht Uwe Rath auf eine üble Masche aufmerksam.

In solchen und anderen Fällen hilft der Weisse Ring. Ganz praktisch zum Beispiel mit Geld (für den Kinderwagen), mit psychologischer Betreuung (für das kleine Mädchen) und beruhigende Aufklärung (für die bedrohten Senioren). „Wir helfen sofort, nur wir müssen es auch wissen“, sagt Uwe Rath. Immer noch meldeten sich viel zu wenige Kriminalitätsopfer bei den Helfern des Weissen Ring. 284 Fälle waren es 2014, davon 220 weibliche Opfer.

Die entscheidende Schnittstelle zwischen Opfer und Weisser Ring ist die Polizei. Rath und seine Kollegen fordern immer wieder die aktive Beratung der Opfer durch die Polizeibeamten. Aber selbst dann ist noch nicht gesagt, dass sie sich auch tatsächlich melden. „Die Dunkelziffer ist hoch“, schätzt Rath. An der Manpower oder am Geld für Entschädigungen oder Hilfen hapert es nicht. Der Weisse Ring ist gut und kompetent aufgestellt und hat ein erstklassiges Renommee, denn es gibt sogar eine Warteliste für interessierte Mitarbeiter. Auch finanziell ist der Weisse Ring dank vieler Spenden, aber auch durch Vermächtnisse oder eingegangene Geldbußen in der Lage, schnelle und wirksame Hilfen unbürokratisch abzuwickeln. Meist mit Geld, aber auch mal mit einem Einkaufskorb vom Discounter, allerdings ohne Schnaps und Zigaretten. Das Netzwerk der Hilfe für Kriminalitätsopfer ist eng geknüpft und hilft vielen Menschen über Lebenskrisen hinweg. „Wir fungieren als Lotse im Hilfenetz und begleiten die Betroffenen beginnend unmittelbar nach der Tat bis zur Gerichtsverhandlung und noch danach“, sagt Uwe Rath. Eine langjährige Helferinnen ist Ursel Brandt aus Eckernförde. 30 bis 50 Fälle bearbeitet sie pro Jahr. Mal reicht ein Telefongespräch, mal sind mehrere Sitzungen notwendig. Den Beratungsort legen die Opfer fest, aber eine Regel gilt: „Nie bei uns zuhause“, sagt Ursel Brandt.

Bundesweit fordert der Weisse Ring, dass Stalking-Opfer wirksamer geschützt werden müssen und begrüßt daher die eingeleitete Bundesratsinitiative. Vehement stemmt sich der Weisse Ring zudem gegen eine mögliche Verschlechterung des Opferentschädigungsgesetzes. „Das darf nie passieren“, sagt Uwe Rath.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen