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Eckernförder Zeitung

14. Dezember 2017 | 09:26 Uhr

Was ist „Vergegenkunft“?

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 19.Aug.2015 | 12:08 Uhr

In der Nachschrift eines Dialoges zwischen Siegfried Lenz und Günter Grass – beide inzwischen verstorben – tauchte das von Letzterem kreierte Kunstwort „Vergegenkunft“ auf. Beim Nachsinnen über seine Bedeutung entwickeln sich einige Fragen zum Thema Zeit, insbesondere: Nach dem Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als ineinander gefügter Begriff und seinen wechselhaften (cansalen?) Bedingtheiten.

Als Schmiermittel möge das folgende Kurzgedicht eines mir unbekannten Autors dienen:

Suche das Kommende

Das Nichtvorhandene

Schaue das Werdende

Öffne dein Ohr

Nun die Fragen: Bin ich da, wo ich meine zu sein? Ist die Zeit – der Zeit-Raum – der Raum für allgemeine schicksalhafte Erlebnisse, oder ist die Zeit das Geschenk, welches den Empfindungsort der ichbezogenen bzw. ichgeführten Individualität bildet – sozusagen als Schale?

Erschöpft sich die Betrachtung des Inhaltes (der Schale) eines vergangenen Zeitraumes nur in Erinnerungen der Vergangenheitsgeschehnisse und füllt sich die Schale ausschließlich mit nur bereits gelebtem Leben?

Oder bilden die Erinnerungen ein von mir tunlichst zu füllendes Vakuum? Die Schale – das Gefäß – als der Geburts- und Quellort des Zukünftigen, um Gegenwart zu haben bzw. aktiv und individuell gestalten zu können?

Vermuten wir in den Zukunftszeiträumen eine bereits be- oder verurteilte, bekannte bzw. sich wiederholende Vergangenheit? Oder wagen wir vorurteilsfreie und in innerer und äußerer Freiheit gestaltbare Entwicklungen, Geschehnisse? Diese unter Einsatz höchstmöglichen Bemühens und Nutzung aller Möglichkeiten, die wir suchen und realisieren könnten?

Bin ich da, wo ich sein könnte? Wo verbirgt sich das individuelle Potential? Hat mich der Zeitgeist in oder an der Hand? Wann bin ich ein Zeitgenosse und was ist ein Zeitgenosse? Ist das Programm meines Gegenwärtigen eventuell so definiert: Wirkung des Geschehenen und Hochrechnung des Vergangenen? Beides womöglich ausschließlich linear prolongiert? Wird es zukünftig wieder so sein, wie es bisher war?

Was heißt eigentlich: Die Geschichte wiederhole sich? Verlängerung des Erinnerbaren als Deutungshilfe (Orientierungsmodell) und nicht als konstruktiver Fragemodus – eine aus dem Zukünftigen entwickelten Be-Deutung (für mich)?

Bin ich auf dem Weg, von dem ich meine, mich auf das gewünschte Ziel zu führen? Habe ich ein Ziel? Birgt eine spontane und somit voreilige Klärung der Erinnerungen aus Erlebnissen die Gefahr der Interpretation?

Verhindert beziehungsweise behindert diese den zukunftsoffenen und in Freiheit vollzogenen Gestaltungsprozess? Wie summieren sich in dem Kunstwort Vergegenkunft die aus Vergangenheit und Zukunft extrahierenden Gegenwartsimpulse? Also eine wirklich geliebte und gelebte Gegenwart, die mir meine Individualität erkennbar spiegelt?

Hic Rhodos, hic Salta (lateinisch, Hier ist Rhodos, hier springe! bedeutet: Zeig hier, beweise, was du kannst, die Red.).


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